Marc Schmidt
Projektskizze
Die Olympischen Spiele von 1972 markierten für München einen städtebaulichen Kulminationspunkt und zugleich den Beginn einer neuen urbanen Epoche. Das Promotionsprojekt widmet sich der kommunalpolitischen und städtebaulichen Transformation Münchens zwischen 1972 und 1993. Während die Olympiade als Sinnbild für Dynamik und Fortschritt in der öffentlichen Wahrnehmung verankert blieb, ist die nacholympische Phase bislang kaum systematisch erforscht worden. Ausgehend von kommunalpolitischen Verwaltungsakten und Nachlässen, Sitzungsprotokollen des Stadtrates, Bauleitplänen, zeitgenössischen Diskursen aus der Presse und Zeitzeugeninterviews zeichnet die Studie ein differenziertes Bild der Münchner Stadtentwicklung im Spannungsfeld von ökonomischen Interessen, sozialpolitischen Leitbildern und bürgergesellschaftlichem Engagement. Der Ausgangspunkt der Untersuchung ist die städtische Situation nach 1972. Die errichteten Anlagen im Zuge der Spiele hatten einen sichtbaren Modernisierungsschub ausgelöst, doch stellte sich nun die Frage nach einem grundlegenden Entwicklungsrahmen jenseits des Großereignisses. Früh zeichnete sich ein Spannungsverhältnis zwischen den sozialdemokratisch geprägten Vorstellungen einer „menschlichen Stadt“ und den zunehmenden ökonomischen Zwängen sowie dem demographischen Wandel ab. Es verschob sich der politische Fokus: Statt expansiver Investition rückte die Frage der Lebensqualität, der Teilhabe und des ökologischen Ausgleichs in den Vordergrund. Mit der Wahl Georg Kronawitters 1972 begann eine Phase programmatischer Neuausrichtung. Unter dem Motto „Menschlichkeit kommt vor Rendite“ verfolgte Kronawitter eine sozialpolitisch fundierte Stadtentwicklung, die die Mieter und die „kleinen Leute“ in den Mittelpunkt rückte. Angesichts rückläufiger Bevölkerungszahlen und wachsender Suburbanisierung suchte die Stadtverwaltung nach neuen Wegen, die Balance zwischen Verdichtung und Lebensqualität zu sichern. Zentral war dabei der Stadtentwicklungsplan von 1974/75, der das Konzept der polyzentrischen Stadtentwicklung in den Vordergrund stellte und ökologische Zielsetzungen – wie die Abkehr von der „autogerechten Stadt“ – mit sozialpolitischen Grundsätzen verband. Die Einführung neuer Richtlinien in der Wohnungspolitik, die Förderung von Grün- und Freiflächen sowie Investitionen in Bildungs- und Pflegeeinrichtungen spiegeln den sozial orientierten Ansatz Kronawitters wider. Mit Erich Kiesl, dem ersten christsozialen Oberbürgermeister seit 1948, erlebte München einen Wandel. Der Regierungswechsel stand für eine „konservative Wende“ auf kommunaler Ebene, die er selbst als eine „liberale Öffnung“ bezeichnete, zugleich aber auch für eine fortgesetzte Urbanisierung unter veränderten Vorzeichen. Während Kronawitter Stadtplanung als gesellschaftspolitisches Instrument begriffen hatte, verstand Kiesl sie eher als wirtschaftlichen Motor. Die Bauwirtschaft erhielt neue Impulse durch großvolumige Aufträge und eine offensive Grundstückspolitik, die jedoch auch auf Kosten von Frei- und Grünflächen ging. Die Rückkehr Kronawitters ins Amt 1984 stand im Zeichen einer programmatischen Wiederannäherung an die Leitbilder der frühen 1970er Jahre. Unter soliden Beschäftigungs- und Investitionsvoraussetzungen und wachsender ökologischer Sensibilität wurde München zur Modellstadt einer „sanften Urbanität“. In Kooperation mit den Grünen wurde der ökologische Diskurs noch stärker in die Stadtverwaltung integriert. Das Promotionsvorhaben leistet zusammenfassend einen Beitrag zur Erforschung der städtischen Historie Münchens nach den Olympischen Sommerspielen 1972, indem es die politischen, sozialen und ökologischen Transformationen der Jahre 1972 bis 1993 erstmals systematisch analysiert. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Landeshauptstadt im Spannungsfeld zwischen Wachstum und Begrenzung, Ökonomie und Ökologie, Bürgergesellschaft und Verwaltung positionierte. Damit bietet die Arbeit nicht nur einen Beitrag zur Münchner Stadtgeschichte, sondern auch zur allgemeinen Diskussion über den Wandel städtischer Governance-Strukturen in der Neuesten Geschichte der Bundesrepublik.