Deponierungsprozesse in griechischen Heiligtümern

Antike rituelle Objekte finden sich heute für den Ausgräber oftmals innerhalb eines
Heiligtumskomplexes in kleineren und größeren heterogenen Gruppen, deponiert in Gruben, auf dem
Fußboden angehäuft oder ausgebreitet, in eigens dafür vorgesehenen Räumen oder abgegrenzten
Bereichen, sowie untergebracht in größeren keramischen Behältern. Sie gelangten ursprünglich als
Opfer- oder Votivgabe, aber auch als Kultgerät und Zubehör für rituelle Festmahle ins Heiligtum und
wurden nach ihrer primären rituellen Nutzung eingelagert. Dieser Akt der Einlagerung von Objekten
bildet ein allgegenwärtiges Phänomen in der griechischen Antike. Er erweckt vor allem durch die
oftmals starke Fragmentierung der Objekte und die Beigabe von verbrannten Knochen, Muscheln oder
anderem organischen Material, den Eindruck einer Müllbeseitigung, in der Literatur oftmals als „sacred
trash“ bezeichnet. Dieser Begriff wird aber in der heutigen Forschung kritisch betrachtet, da er den
Objekten und ihrer Ablage keinen Nutzen und keine Bedeutung zuspricht. Es liegt jedoch nahe, dass
auch abgelegte oder eingelagerte Objekte als permanente Erinnerung an religiöse Praktiken dienten
und dadurch einen Beitrag dazu leisten, das Heiligtum als heiligen Ort über Generationen zu
legitimieren.
In dieser Studie sollen die Deponierungsarten und vor allem auch die Prozesse, die damit verbunden
sind, ermittelt und analysiert werden – der Begriff „Deponierung“ dient in meiner Arbeit als wertfreier
Ausdruck jeglicher Art der Ablage von Objekten. Gerade die Deponierungsprozesse bilden einen
großen wissenschaftlichen Wert für die Erforschung des alltäglichen Lebens innerhalb eines
Heiligtumskomplexes, sowie insbesondere des Umgangs mit Weihgaben, Opferrückständen und
rituellem Werkzeug. Dazu beitragend muss auch der Lebenszyklus, insbesondere die Einbettung in
religiöse Praktiken, und die Transformation der einzelnen Objekte sowie ihr potentielles Wirken
innerhalb der Deponierung untersucht werden.  
Für diese Untersuchungen dient das extra-urbane Heiligtum von S. Anna bei Agrigent als ideale
Fallstudie. Es liegt auf einem Hügel mit Blick auf die städtischen Tempel des antiken Akragas und an
einem wichtigen Knotenpunkt des antiken Straßensystems. In den 1960 Jahren haben die Grabungen
unter der Leitung von Dr. Graziella Fiorentini begonnen und wurden 2014 unter der Leitung von Prof.
Dr. Natascha Sojc wieder aufgenommen. Die hier gefundenen zahlreichen Deponierungen sind bereits
knapp unter der Erdoberfläche in meist sehr gutem Erhaltungszustand vorhanden und oftmals in einem
räumlichen sowie chronologischen Zusammenhang zu sehen. Die darin befindlichen Objekte konnten
verschiedenen rituellen Kontexten – Opfergabe, Weihegabe, Festmahl – zugeordnet werden, oftmals
in einer Deponierung vereint.  
Primäres Ziel der Arbeit soll sein, anhand der Befunde aus S. Anna die verschiedenen
Varianten und Konstellationen von Deponierungen aufzuzeigen und die daraus abzulesenden Prozesse
zu ermitteln. Erst durch die Dokumentation der Deponierungsprozesse können aussagekräftige
Rückschlüsse auf die Funktion der Objekte getroffen werden, wertvolle Informationen zu ihrer
Kulturbiographie und ihrem Lebenszyklus gewonnen und die rituellen Aktivitäten in ihrem vollen
Ausmaß begriffen werden.

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