Eine geschichtsdidaktische Analyse von „postkolonialen“ Unterrichtsmaterialien und Bildungsangeboten für den Geschichtsunterricht. Ein Beitrag zu kritischer geschichtsdidaktischer Theoriebildung und zur Globalisierung des Geschichtsunterrichts in der Migrationsgesellschaft

Das Anliegen des Dissertationsprojektes ist es, die Theorieangebote Postkolonialer Theorie aus geschichtsdidaktischer Perspektive zu vermessen. Die Arbeit geht dabei der Frage nach, ob und inwieweit diese zur Fortentwicklung geschichtsdidaktischer Theorie und damit auch zur Weiterentwicklung des Geschichtsunterrichts beitragen können (vgl. auch Grewe 2016; Bernhard 2016). Denn anders als in Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht haben Argumente aus der Postkolonialen Theorie im deutschsprachigen Raum mittlerweile eine breite Öffentlichkeit erreicht, was besonders gut am Verlauf und der Rezeption der geschichtskulturellen Kontroverse um das Humboldt Forum in Berlin gezeigt werden kann (vgl. hierzu Thiemeyer 2016).

Die Arbeit versteht sich als Beitrag zum Forschungsfeld des historischen Lernens in der Migrationsgesellschaft. Dabei soll gezeigt werden, wo sich Anknüpfungspunkte zu geschichtsdidaktischen Debatten um interkulturelles Lernen (vgl. Alavi 1998), transkulturelles Lernen (vgl. Lücke/Ullrich 2014), Diversität (vgl. Barsch/Degner/Kühberger/Lücke 2020), rassismuskritisches Lernen (vgl. Brüning/Deile/Lücke 2016) und zu welt- und globalgeschichtlichem Lernen (vgl. Popp/Bernhard/Schumann 2019) finden und wo Postkoloniale Theorie über die genannten Zugriffe hinausweist.

In einem ersten Schritt erfolgt aus geschichtsdidaktischer Perspektive eine kritische Auseinandersetzung mit Postkolonialer Theorie und ihrer Rezeption in Fachwissenschaften, Geschichtskultur und Geschichtsdidaktik. Daraus werden dann Thesen zum geschichtsdidaktischen Potenzial Postkolonialer Theorieangebote abgeleitet, die in ein geschichtsdidaktisches Analyseraster überführt werden.

In einem zweiten Schritt werden im Lichte dieser Thesen deutschsprachige „postkoloniale“ Unterrichtsmaterialien analysiert. Gemeint sind damit Unterrichtsmaterialien und Bildungsangebote, die außerhalb des Schulbuchdiskurses entstanden sind und dem eigenen Anspruch nach (im weiteren Sinne) postkolonialen Perspektiven bei der Materialentwicklung folgen. Entwickelt wurden diese Materialien von verschiedensten Akteur*innen, die dem eigenen Anspruch nach progressive „postkoloniale“ Themensetzungen und Konzepte der Geschichtsvermittlung explizit (auch) für den Geschichtsunterricht anbieten und dadurch den Diskurs vorantreiben wollen (u.a. postkoloniale Stadtinitiativen, NGOs aus dem Globalen Lernen oder (universitäre) Projekte auch unter Beteiligung von Geschichtsdidaktiker*innen). Mithilfe des Analyserasters werden sie in zweifacher Hinsicht untersucht: erstens, wie sie Postkolonialen Theoriepostulaten entsprechen und zweitens, wie sie Qualitätsstandards geschichtsdidaktischer Theorie i.S. einer Förderung eines reflektierten und kritischen Geschichtsbewusstseins erfüllen. Das Korpus enthält Unterrichtsmaterialien zu Kernthemen des traditionellen curricularen Narrativs („Kolumbus“, „Transatlantischer Versklavungshandel und Zeitalter der Revolutionen“, „Kolonialismus/Imperialismus“). Aufgrund der Heterogenität der untersuchten Materialien geht es dabei weniger um vergleichende „Typenbildung“. Vielmehr werden die Befunde aus den Materialanalysen zueinander in Beziehung gesetzt, um grundlegende Muster zu finden, wo die untersuchten Materialien mit Blick auf die Umsetzung Postkolonialer Theorie vor dem Hintergrund geschichtsdidaktischer Standards Stärken und Schwächen aufweisen.

In einem dritten Schritt wird abschließend danach gefragt, was die Befunde über Chancen und Grenzen Postkolonialer Theorie für die Weiterentwicklung geschichtsdidaktischer Theoriebildung und für eine Globalisierung des Geschichtsunterrichts in der Migrationsgesellschaft aussagen.

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