Gesundheit und stressbedingte Körperbeschwerden in der späten Moderne - Eine Untersuchung (psycho-)sozialer Gesundheitsfaktoren am Beispiel von Neurodermitis im Erwachsenenalter

Die wahrgenommene Stressbelastung nimmt zu. Gleichzeitig berichten Menschen mit Neurodermitis häufig davon, dass Neurodermitis-Schübe durch Stress ausgelöst oder verstärkt werden. Neurodermitis-Beschwerden werden demnach im Rahmen des Forschungsvorhabens als ein Beispiel für stressbedingte Körperbeschwerden betrachtet. Gleichzeitig kann Neurodermitis u.a. durch Stigmatisierungserfahrungen oder Schlaflosigkeit wegen nächtlichem Juckreiz zu einer erhöhten Stressbelastung bis hin zu psychischen Folgeerkrankungen führen. (Psycho-)sozialer Stress wird sowohl als Einflussfaktor auf, als auch als Folgen von Neurodermitis-Beschwerden verstanden. Neurodermitis ist bislang nicht heilbar, aber behandelbar. Es wird eine sogenannte Stufentherapie empfohlen: Bei leichten Beschwerden reicht eine Basis-Hautpflege sowie das Vermeiden auslösender Faktoren. Bei stärkeren Beschwerden werden zusätzliche Maßnahmen nötig, z.B. topische Glukokortikosteroide (Kortisonsalben) oder systemische immunmoduloierende Therapien. Studien weisen darauf hin, dass ein interdisziplinärer Ansatz sinnvoll wäre, der auch psychosoziale Maßnahmen integriert. Beispielsweise haben sich Stressmanagement-Programme, autogenes Training, kognitiv-behaviorale Therapien und die Neurodermitis-Schulung als wirksame zusätzliche Behandlungsmethoden herausgestellt. Während knapp drei Viertel der Neurodermitis-Patient*innen über stress- oder psychisch bedingte Beschwerden berichten, erhielt laut dem Neurodermitisreport im Jahr 2019 jedoch nur etwas mehr als ein Viertel der Betroffenen eine psychotherapeutische Behandlung. Diese Arbeit soll einerseits der Frage nachgehen, warum es zu einer Zunahme der wahrgenommenen Stressbelastung und stressbedingter Körperbeschwerden kommt. Es stellt sich außerdem die Frage, warum stressbedingte Körperbeschwerden oftmals ausschließlich mit biomedizinischen Maßnahmen behandelt werden und wie alternativ mit stressbedingten Körperbeschwerden umgegangen werden könnte. Andererseits soll aus salutogenetischer Perspektive untersucht werden, ob und welche (psycho-)sozialen Gesundheitsfaktoren Neurodermitis-Beschwerden lindern und die biopsychosoziale Gesundheit bei Neurodermitis erhalten oder fördern können. Von Interesse ist dabei, wie Betroffene den Einfluss (psycho-)sozialer Faktoren auf körperliche Beschwerden wahrnehmen und ob die medizinischen Gesundheits- und Krankheitsmodelle mit den Lebenswelten der Betroffenen übereinstimmen. Theoretisch stützt sich die Arbeit vorwiegend auf die Beschleunigungstheorie von Hartmut Rosa, um die Zunahme der wahrgenommenen Stressbelastung zu erklären. Da laut Rosa Resonanz die Lösung für das Problem der Beschleunigung ist, soll anschließend geprüft werden, inwiefern das Resonanz-Konzept hilfreiche Ansatzpunkte für Gesundheitsfaktoren bietet. Um die Frage zu klären, warum stressbedingte Körperbeschwerden häufig ausschließlich mit biomedizinischen Methoden behandelt werden, soll historisch aufgearbeitet werden, wie sich das Menschenbild in der Medizin durch den cartesianischen Körper-Geist-Dualismus entwickelt hat und welche Probleme dies mit sich bringt. Gleichzeitig wird aufgezeigt, welche alternativen Menschenbilder und Modelle von Gesundheit und Krankheit sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt haben. Vor dem Hintergrund eines biopsychosozialen Modells soll dann im empirischen Teil der Arbeit durch eine Mixed-Methods-Studie der Effekt von (psycho-)sozialen Gesundheitsfaktoren auf den Verlauf der Erkrankung sowie die Sicht der Betroffenen auf (psycho-)soziale Einflüsse auf ihre Gesundheit untersucht werden.

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