„Sterben unsere Dialekte aus?“ ist eine Forschungsfrage der Variationslinguistik – mir ihr beschäftigen sich an der Universität Augsburg Prof. Dr. Alfred Wildfeuer und Dr. des. Sebastian Franz.

„Die Variationslinguistik ist eine linguistische Teildisziplin, die sich mit Varianten und Varietäten einer Sprache auseinandersetzt – also zum Beispiel untersucht, wo man landschaftlich zur männlichen Katze z. B. Kater, Katzger oder Baale sagt und woher diese Bezeichnungen stammen. Der Dialekt als lokale Sprachform nimmt eine gesonderte und auch besondere Rolle in unseren Forschungen ein“, erklärt Alfred Wildfeuer.

Aktuelle Ergebnisse aus der Forschung

Aktuelle Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die Zahl an Dialektsprecherinnen und -sprechern rückläufig ist – auch der Landkreis Augsburg ist von dieser Entwicklung betroffen: Der Dialekt verliere zunehmend seinen originär lokalen Status und entwickele sich immer mehr in Richtung einer regionalen Varietät. „Generell halten die Sprecherinnen und Sprecher im Süden aber stärker am Dialekt fest. Viele Jugendliche wachsen auch heute noch mit dem Dialekt als Erstsprache auf“, beobachtet Sprachwissenschaftler Sebastian Franz. Dagegen seien die Dialekte im Norden Deutschlands in vielen Landstrichen schon beinahe vollständig ausgestorben. Abgesehen von einigen Personen, die das Plattdeutsche in Sprachkursen als Zweitsprache erwerben, gebe es nur noch wenige jüngere Sprecherinnen und Sprecher dieser Dialekte.

Rückläufigkeit des Dialekts

Doch wieso ist der Dialekt rückläufig? „Ab den 1960- und 1970er Jahren hat der Dialekt eine starke Stigmatisierung erfahren: Er galt als Sprachbarriere“, erklärt Alfred Wildfeuer. In der Folge wurde in der Schule auf ein ‚schönes und gutes Hochdeutsch‘ geachtet. Dialektsprecherinnen und -sprechern wurden zudem pauschal kognitive Fähigkeiten aberkannt. Das heißt: Wer Dialekt gesprochen hat, an der/dem haftete nicht nur ein „hinterwäldlerisches Image“, sondern er/sie wurden auch pauschal als weniger intelligent eingeschätzt und diskriminiert. „Dieser Mythos hält sich teils bis heute aufrecht, obwohl er von der Forschung längst widerlegt worden ist“, ergänzt Sebastian Franz. Gerade eine Zweisprachigkeit mit Dialekt als Erst- und die Standardsprache als Zweitsprache trage zu einer stärkeren kognitiven und auch sprachlichen Entwicklung bei.

Sterben unsere Dialekte aus?

Eine Momentaufnahme zeigt, dass sich die Dialekte im Rückgang befinden. Gleichzeitig könne man laut Franz aber auch feststellen, dass die Dialekte ihren Status als lokaler Identitätsmarker, den man auf der Zunge trägt, ausbauen und der einen Gegenpol zur fortschreitenden Internationalisierung darstellt. Hinzu komme, dass die Dialekte das Negativimage überwunden haben: „Der Dialekt wird als wertvolle Sprachressource aufgefasst, die es zu schützen gilt. Und jemand, der Dialekt spricht, ist nicht gleich deppert. Er/Sie kann in Form kognitiver Vorteile sogar davon profitieren, dass er/sie Dialekt spricht, wie die Mehrsprachigkeitsforschung in den letzten Jahren mehrfach herausgestellt hat“, erläutert Alfred Wildfeuer.

Rolle der Wissenschaft

„‚Sterben unsere Dialekte aus?‘“– das zu entscheiden, obliegt nicht den Forschern der Augsburger Variationslinguistik. Die Antwort liegt bei den heutigen Dialektsprecherinnen und -sprechern und an ihrer wegweisenden Entscheidung, ob sie ihre Mundart an die nächste Generation weitergeben oder nicht“, resümiert er.

Die Wissenschaft und die Professur für Variationslinguistik der Universität Augsburg haben in diesem Prozess eine begleitende Funktion: Indem sie den Wert von Dialekten herausstellen, ihre kulturelle Bedeutung aufzeichnen und die Vorteile für die kognitive Entwicklung und für die Sprachkompetenz erforschen.

Für die Professur an der Universität Augsburg gilt zudem, dass alle drei relevanten Varietäten Bayerns (Bairisch, Fränkisch, Schwäbisch) mit kompetenten Sprecherinnen und Sprechern vertreten sind, die in passenden Situationen den Dialekt verwenden und weitertragen.

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Kontakt

Professor
Variationslinguistik und DaZ/DaF
Wissenschaftlicher Assistent
Variationslinguistik und DaZ/DaF

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