UPD 137/19 - 14.10.2019

Die Friedensforschung: Wie sie sich entwickelt hat und was sie leisten kann

Anschubförderung des Bayerischen Landtags für Forschungsvorhaben der Augsburger Friedens- und Konfliktforschung

Augsburg/ChW/KPP – Mit insgesamt 51.000 Euro wird der Augsburger Friedensforscher Prof. Dr. Christoph Weller – Inhaber des nach wie vor einzigen Lehrstuhls an einer bayerischen Universität, der explizit auf die Friedens- und Konfliktforschung ausgerichtet ist – vom Bayerischen Landtag und vom Kulturamt der Stadt Augsburg dabei unterstützt, seine Studien zur Rekonstruktion der Entstehung und Entwicklung der Friedensforschung in Deutschland und speziell in Bayern sowie in der Friedensstadt Augsburg voranzutreiben. Parallel hierzu entwickelt Wellers Lehrstuhl-Team einen interdisziplinären DFG-Antrag zu reflexiven Ansätzen gesellschaftspolitischer Konfliktbearbeitung.

„Wir arbeiten derzeit an zwei größeren Forschungsanträgen, um mit Drittmitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Deutschen Stiftung Friedensforschung und weiterer Geldgeber die finanzielle Ausstattung des Forschungsschwerpunkts Friedensforschung an der Universität der Friedensstadt Augsburg zu verbessern. Dafür, dass er unsere Anstrengungen mit einer Förderung in Höhe von 45.000 Euro unterstützt, sind wir dem Bayerischen Landtag sehr dankbar“, so Weller. Ähnlich erfreulich sei die Unterstützung von Seiten des Kulturamts der Stadt Augsburg, das sich ebenfalls an der Finanzierung einer Studie zur Etablierung der Friedens- und Konfliktforschung in Augsburg beteiligt.

Politischer Rückenwind für die Friedens- und Konfliktforschung

Der Augsburger Friedens- und Konfliktforscher sieht darin einerseits eine Bestätigung der Beschlusslage des Deutschen Bundestages, der bereits Anfang 2017 die Friedens- und Konfliktforschung für „unverzichtbar“ erklärt hatte. Andererseits bestehe aber noch weit größerer Bedarf an finanzieller Förderung für die Friedens- und Konfliktforschung angesichts wachsender Herausforderungen durch sich verschärfende Konfliktlagen – global wie lokal. Dies bestätigten in sehr eindeutiger Weise auch die jüngst vom Wissenschaftsrat beschlossenen „Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Friedens- und Konfliktforschung“, die auf einer umfassenden Evaluation dieses Forschungsfeldes basieren. Vor über zwei Jahren hatte der Bundestag diese Evaluation in Auftrag gegeben, die von einer international zusammengesetzten Arbeitsgruppe durchgeführt wurde.

Weiterentwicklung der Friedens- und Konfliktforschung

Das zentrale Evaluationsergebnis des Wissenschaftsrats lautet: „Die Friedens- und Konfliktforschung leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum Verständnis und zur Bearbeitung großer gesellschaftlicher Herausforderungen“. Um diesen Beitrag auch tatsächlich leisten und den entsprechenden gesellschaftspolitischen Erwartungen entsprechen zu können, sei die vom Wissenschaftsrat empfohlene Weiterentwicklung dringend notwendig, so Weller. Er verweist dabei u. a. auf die Unterfinanzierung und darauf, dass vom Wissenschaftsrat neben dem Bund insbesondere jene Länder adressiert werden, in denen das Forschungsfeld bisher kaum vertreten ist. Zitat aus dem Gutachten: „Die Länder sind daher aufgerufen, die universitären Zentren des Forschungsfelds und die landesfinanzierten außeruniversitären Einrichtungen in die Lage zu versetzen, kontinuierlich Forschung zu selbstgewählten Themen durchzuführen.“

Dass Bayern hier noch erheblichen Nachholbedarf hat, ist für Weller offensichtlich. Und dass die Friedensstadt Augsburg ein geeigneter Standort für die Weiterentwicklung der Friedens- und Konfliktforschung in Bayern ist, unterstreicht er durch seine Bemühungen um weitere externe Forschungsförderung. „Mit den beiden neuen Projekten, die wir am einzigen bayerischen Standort unseres Forschungsfelds in Angriff genommen haben, setzen wir zwei zentrale Forderungen, die von der Friedens- und Konfliktforschung immer wieder verlangt werden, unmittelbar um: Praxisorientierung und Interdisziplinarität.“

Reflexive Ansätze gesellschaftspolitischer Konfliktbearbeitung

Was und wie kann die Friedens- und Konfliktforschung ganz praktisch zur konkreten Bearbeitung gegenwärtiger und künftiger gesellschaftspolitischer Konflikte beitragen? Von dieser Frage geleitet, soll das Forschungsvorhaben „Reflexive Ansätze gesellschaftspolitischer Konfliktbearbeitung“ mit Methoden partizipativer Forschung in Kooperation mit Praxispartnerinnen und -partnern die Vielfalt all jener Institutionen, die gesellschaftspolitische Konflikte bearbeiten, erforschen. So soll herausgefunden werden, wie und wodurch die konstruktive Bearbeitung gesellschaftspolitischer Konflikte gesichert werden und welchen Beitrag Reflexivität dazu leisten kann. Grundlage für diese praxisorientierte Herangehensweise sind soziologische, pädagogische und politikwissenschaftliche Theorieansätze.

Wechselseitiger Wissenstransfer und Perspektivenwechsel

Etablierte Institutionen der Konfliktbearbeitung geraten zunehmend unter Druck, und für neuartige Konfliktkonstellationen fehlen anerkannte Institutionen. Weil aber soziale Konflikte ein unvermeidbarer Teil gesellschaftlichen Zusammenlebens und – sofern sie konstruktiv bearbeitet werden – zugleich die Motoren gesellschaftlicher Entwicklung sind, ist die Qualifizierung von Personen und Prozessen durch Reflexivität im Sinne wechselseitigen Wissenstransfers und Perspektivenwechsels gefragt. Weller: „Was wir mit diesem Projekt anstreben, ist die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis in Form eines reflexiv gestalteten, also wechselseitigen Lernprozesses mit Blick auf die Erarbeitung, auf die Erprobung und auf die wissenschaftliche Begleitung von Erkenntnissen, die praxisrelevant für gelingende gesellschaftspolitische Konfliktbearbeitung sind.“

Entstehung und Entwicklung der Friedensforschung

Wissenschaftshistorisch und wissenschaftssoziologisch ausgerichtet ist das Forschungsvorhaben „Entstehung und Entwicklung der Friedensforschung“: Befindet sich die Friedens- und Konfliktforschung aktuell in einem ähnlichen Transformationsprozess, wie er sich für die Entstehungsphase am Ende der 1960er und am Beginn der 1970er Jahre identifizieren lässt?

„Um diese Fragestellung zu bearbeiten, müssen wir einerseits die Anfangsphase der Friedensforschung in der Bundesrepublik Deutschland wissenschaftshistorisch beschreiben, wobei wir auf eigene Studien der vergangenen Jahre aufbauen können. Dann“, so Weller weiter, „wird es darum gehen, diese Anfangsphase mit Entwicklungen der vergangenen zehn bis zwanzig Jahre mithilfe wissenschaftssoziologischer Methoden zu vergleichen.“

Exemplarisch: die Friedensstadt Augsburg

Hervorragend nachvollziehen lassen sich diese Entwicklungen an der Friedensstadt Augsburg, in der es seit den 1970er Jahren mehrmals Versuche gab, die Friedensforschung an der Universität Augsburg anzusiedeln, – Versuche, die dann im Kontext des 450. Jahrestages des Augsburger Religionsfriedens von 1555 zum Erfolg führten. Wie voraussetzungsreich die Einrichtung des bisher in Bayern einzigen Lehrstuhls für Friedens- und Konfliktforschung war, wird durch Archivstudien und Zeitzeugen-Interviews rekonstruiert. Diese Recherchen zu den Hintergründen und Zusammenhängen dieses Teils der jüngsten Augsburger Stadt- und Wissenschaftsgeschichte liefern sehr aufschlussreiche Einblicke in das Zustandekommen der Entscheidungen für die Einrichtung des Augsburger Lehrstuhls für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung, über seine Vorgeschichte, über erkennbare Einflüsse, über die an den Entscheidungsprozessen Beteiligten sowie über die damit verbundenen Ziele, Erwartungen und ggf. auch Widerstände.

„Wir werden mit diesen aufwändigen Recherchen und exemplarischen Analysen am Beispiel Augsburg eine solide Grundlage für einen interessanten Drittmittelantrag zu unserem Gesamtprojekt zur Entstehung und Entwicklung der Friedensforschung in Deutschland schaffen“, ist Weller sich sicher. Und nochmals betont er seine Freude über die Anschubfinanzierung durch den Bayerischen Landtag und die Stadt Augsburg, um zu versichern, dass sie einer Stärkung des Forschungsschwerpunkts Friedensforschung an der Universität der Friedensstadt Augsburg zugute kommen werde.

Ansprechpartner

Lehrstuhl für
Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung

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