UPD 46/20 - 10.07.2020

„Musik gibt uns das Gefühl, nicht allein zu sein“

Prof. Dr. Susanne Metzner, Leiterin des Masterstudiengangs Musiktherapie, spricht über die Auswirkungen von Musik auf den Menschen – auch während schwieriger Zeiten, z. B. in der Pandemie.

Augsburg/CH/FL – Prof. Dr. Susanne Metzner leitet an der Universität Augsburg den Masterstudiengang Musiktherapie. Ein Gespräch über das Potenzial von Musik, Menschen Trost und Hoffnung zu spenden und sie miteinander zu verbinden.

 

Frau Prof. Metzner, in Zeiten der Pandemie suchen viele Menschen Zuflucht zur Musik. Warum ist das so?

Dafür gibt es viele, sicher auch sehr individuelle Gründe, die sich aber meines Erachtens unter zwei Hauptthemen subsumieren lassen: die emotionalen und sozialen Bedürfnisse von Menschen.  Der Mensch braucht ein Medium, das ihm die Bewältigung seiner Emotionen ermöglicht. Gerade die Musik wird seit Jahrtausenden von Menschen verwendet, um körperliche Spannungen und Emotionen zu modulieren. Für viele ist sie auch Trösterin, Hoffnungsträgerin, Anregung, Entspannung oder Ablenkung.

Musik ermöglicht es außerdem, mit anderen Menschen in Verbindung zu sein – ganz ohne Worte. Musik bewegt sich in Raum und Zeit, sie transzendiert Grenzen von Innen und Außen, denn das zu Gehör Kommende ist auf bestimmte Art eindringlich, auch wenn sie sanft und leise ist.

Wenn wir gut gelaunt sind, summen wir vor uns hin; wenn wir Musik hören, singen oder ein Instrument spielen, bessert sich umgekehrt oft unsere Laune. Warum?

Die Musikwahrnehmung beeinflusst maßgeblich das limbische System und die damit in Verbindung stehenden Hirnregionen, die zusammen für die emotionale Verarbeitung zuständig sind. Wie stark uns die Musik berührt, wie sehr sie uns auch intellektuell anregt, hängt dabei weniger von objektiven Kriterien oder musikalischen Merkmalen ab, als vielmehr, ob die Harmonien bekannt sind, ob Tempo und Rhythmus dem derzeitigen physiologischen Empfinden entsprechen, ob der Text das eigene Leben betrifft, ob die Melodie zu uns „spricht“.

Wenn wir einen Song aus unserer Jugend hören, ist das mitunter fast so, als würden wir die Situation noch einmal erleben. Woran liegt das?

Unser Gedächtnis hat unterschiedliche Qualitäten. Einerseits können wir uns mehr oder weniger gut an Fakten erinnern. Auf der anderen Seite sind in unserem episodischen Gedächtnis ganze Szenerien abgespeichert, mitsamt den Emotionen, die wir damals empfunden haben. Es reicht manchmal ein einziger Schlüssel wie ein Geruch oder eben die ersten Takte eines Musikstückes, um das alles wieder präsent werden zu lassen. Das macht unseren inneren Reichtum aus, auf den wir gerade dann, wenn das Leben es mal nicht gut mit uns meint, zurückgreifen können.

Hat also Musik das Potenzial, uns in bessere Zeiten zurückzuversetzen?

Es sind leider nicht nur die besseren Zeiten. Es gibt auch unangenehme Assoziationen, die mit Musik verbunden sein können. In der Regel vermeiden wir die Berührung damit. Wenn wir aber über etwas hinwegkommen möchten, das noch unverarbeitet in uns lebt, kann es sinnvoll sein, diese Erinnerungen zuzulassen. Wir können dann mit anderen darüber sprechen, was sich da unangenehm bemerkbar macht und uns vielleicht auch an manchem hindert, das wir eigentlich erreichen möchten. Im Krankheitsfall wäre das z.B. in einer Musiktherapie.

Welche Rolle spielt dabei die Melodie, welche der Rhythmus?

Der Rhythmus ist ein Phänomen, das unser gesamtes Leben durchzieht. Denken Sie an die großen Lebensrhythmen wie die Jahreszeiten oder an die Biorhythmen, den Herzschlag, die Atmung, das Gehen. Ein Leben ohne Rhythmus ist nicht vorstellbar.

Die Melodie hingegen verbindet uns mehr mit der Kultur, in der wir leben. Wir wachsen mit Liedern auf, aber wir orientieren uns auch an Sprachmelodien. Melodien vermitteln das Gefühl für Zugehörigkeit.

Gibt es Tonfolgen oder Rhythmen, die ganz besonders das Potenzial haben, unsere Stimmung zu verändern?

Weltweit gibt es Wiegenlieder, die von eher sanften, langsamen Rhythmen, von Wiederholungen, eher kleinen Tonumfängen und von weichen Klängen geprägt sind. Aber damit hört es eigentlich schon auf. Es gibt in unserer Kultur bestimmte Tendenzen, die eher mit Trauer oder eher mit Freude assoziiert sind, aber wenn Sie an andere Musikkulturen denken, sind wir schnell ratlos, wie wir eine Musik oder eine Tonfolge einordnen sollen. Ein Largo von Händel löst beim einen Menschen Trauer aus, weil es ihn an die Beerdigung eines geliebten Menschen erinnert, beim anderen das Gefühl von Ruhe und Geborgenheit, beim dritten Aggression, weil er im Moment ganz „anders drauf“ ist und eher etwas dynamischeres bräuchte und beim vierten löst es gar nichts aus, weil die Musik ihm im wahrsten Sinne „nichts sagt“.

Aber empfinden wir nicht Moll-Akkorde prinzipiell als traurig?

Auch das muss ich relativieren. Es gibt in unserer Kultur Musikstücke in Moll, die nicht traurig klingen, z.B. dann nicht, wenn sie in Tempo, Rhythmik und Dynamik akzentuiert vorgetragen werden. Wir kennen das in der Sprache auch. Wenn wir sagen: „ich will nicht mehr“ und dabei mit leiser Stimme und abfallender Stimmmelodie sprechen, klingt das traurig, resignativ. Wenn wir den Satz anders betonen und die Stimme heben, klingt es energisch, vielleicht sogar wütend.

In Italien und anderswo musizierten die Menschen zu Zeiten des Lockdowns auf den Balkonen. Inwieweit stiftet Musik auch Gemeinschaft, gerade in Zeiten der Isolation?

Musik verbindet Menschen. Egal ob wir singen oder ein Instrument spielen: dabei geht es immer auch um expressive, kommunikative und soziale Prozesse.

Musizieren gibt uns das Gefühl, nicht allein zu sein, nicht ohnmächtig zu sein, nicht zu verstummen – sondern im Gegenteil: eine Stimme zu haben, mit anderen in Kontakt zu sein und uns selbst helfen zu können

Medienkontakt

Wissenschaftliche Leiterin des Masterstudienganges
Musiktherapie
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