UPD 52 - 20.07.2020

Wie Kinder in der Familie Moral lernen

Eine Studie mit 24 Familien untersucht, welche Schwierigkeiten dort bei der Erziehung der Kinder bestehen

Augsburg/FL/MH – Die Aneignung moralischen Wissens sowie des Willens und der Fähigkeit, es auch umzusetzen, erfolgt bei Kindern zunächst in der Familie. Welche Prozesse dort genau stattfinden, wurde bislang jedoch nur unzureichend untersucht. Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Monika Witzke hat diese Forschungslücke nun ein Stück weit geschlossen. Ihre Studie zeigt, dass der Spagat zwischen Erziehung und Beruf für junge Familien oft nur schwer zu bewältigen ist. Die Ergebnisse der Arbeit sind allerdings nicht repräsentativ; sie lassen sich daher nur eingeschränkt auf Deutschland übertragen. Die Studie ist nun in Buchform erschienen.

2.168 Seiten Gesprächsabschriften aus 102 Einzelbefragungen und zwei Dutzend flankierenden Gruppendiskussionen: Dr. Monika Witzke hat für ihre Promotion am Fachbereich für Pädagogik der Universität Augsburg einen wahren Berg an Daten zusammengetragen und ausgewertet. Im Zentrum ihrer Analyse stand dabei die Frage, auf welche Weise Kinder und Eltern Moralvorstellungen in ihr Selbstbild integrieren und welche Rolle dabei innerfamiliäre Prozesse spielen. Dazu hat sie insgesamt 24 Familien aus Bayern und Baden-Württemberg mit zwei Elternteilen und mindestens einem Kind in der vierten Klasse untersucht. Witzke und ihre Kolleginnen und Kollegen haben jede dieser Familien besucht und dabei mit allen Familienmitgliedern separat gesprochen. Unter anderem fragten sie dabei nach moralischen Regeln, die aus Sicht der Teilnehmenden für alle Menschen gelten – etwa, niemanden zu verletzen oder nicht zu lügen. „Insbesondere hat uns interessiert, wie die Befragten mit diesen Regeln umgehen: Ob Familienmitglieder moralische Regeln verhandeln oder ob diese Regeln als gesetzt gelten; unter welchen Umständen sie solche Regeln brechen und der jeweilige Regelbruch gegebenenfalls für erlaubt erachtet wird; wie Verstöße in der Familie geahndet werden und wovon das abhängt“, erklärt die Pädagogin.

Moralische Vorbildrolle der Eltern oftmals nur gespielt

Die Auswertung der Daten zeigt, dass beim Umgang mit moralischen Regeln die Eltern eine moralische Vorbildrolle vor den Kindern oft nur zu spielen versuchen. Etwa wenn sie vor den Kindern immer schön den Fahrradhelm aufsetzten, nicht lügen und nicht fluchen, in Abwesenheit der Kinder aber gegenteilig handeln. Dies bleibt den Kindern der Studie aber in der Regel nicht verborgen. Die Eltern erziehen ihre Kinder auf diese Weise tendenziell dazu, eine Rolle zu spielen, nicht aber, eine moralische Identität zu entwickeln. Werden Verstöße gegen moralische Regeln in der Familie nicht als solche diskutiert, besteht zudem das Risiko, dass die Kinder diese als richtiges Verhalten akzeptieren lernen. „Wenn etwa der Vater sein Kind ohrfeigt, kann es sein, dass das Kind dieses Verhalten danach entschuldigt“, erklärt Witzke. „Es sagt dann zum Beispiel, das Schlagen sei legitim gewesen – schließlich habe es sich selbst zuvor falsch verhalten. Für die Entwicklung einer moralischen Identität ist ein solch unkritischer Umgang mit Regelverstößen verständlicherweise nicht förderlich.“

Spagat zwischen Erziehung und Job

In der Studie tritt zudem zutage, wie sehr der Spagat zwischen Job und Erziehung die Beteiligten fordert. Bei den befragten Familien waren meist die Männer die Hauptverdiener. Nach einer anstrengenden Arbeitswoche zogen sich manche von ihnen auch an den Wochenenden aus gemeinsamen Unternehmungen heraus und waren so insgesamt wenig über das Familienleben informiert. Das Resultat waren Schwierigkeiten, sich gegenseitig zu verstehen und anzuerkennen. Gleichzeitig empfanden manche Väter dieses Verhalten zum Teil selbst als Versagen in ihrer Erzieherrolle und versuchten, dieses Defizit durch Strenge in anderen Zusammenhängen zu kompensieren. „Mitunter wurden sie von ihren Kindern jedoch gar nicht mehr als moralische Instanz und Erzieher ernst genommen“, erklärt Witzke. Die Vorstellung, sowohl bei der Arbeit als auch als Eltern perfekt sein zu müssen, überfordert aus ihrer Sicht viele Väter und Mütter. Allerdings seien die gesammelten Daten nicht repräsentativ und ließen sich nicht allgemein auf Deutschland übertragen.

Die Studie zeigt zudem, wie sehr Moralerziehung ein bidirektionaler Prozess ist: Indem die Kinder die moralischen Maßstäbe im Handeln ihrer Eltern hinterfragen, wirken sie ihrerseits „erziehend“. Allerdings sitzen sie dabei in aller Regel am kürzeren Hebel. Viele Eltern sehen in solchen Momenten ihre Vorbild- und Erzieherrolle infrage gestellt und reagieren daher mit Druck und Repression.

Es geht auch anders

Dass es auch anders sein kann, zeigt ein Beispiel aus Monika Witzkes Arbeit: Darin nahm eine Tochter ihrer Mutter beim gemeinsamen Einkauf unnötige Ware aus dem Korb und sagte: „Das kaufen wir jetzt nicht, wir müssen doch sparen!“ Die Mutter habe sich jedoch nicht angegriffen gefühlt, sondern sei richtiggehend stolz gewesen. Mit Recht, findet Witzke: „Wir wollen doch gerade, dass unsere Kinder moralisches Wissen, Wollen und Können entwickeln“, sagt sie. „Wir finden es überhaupt nicht schlimm, wenn unsere Kinder uns eine App auf dem Smartphone erklären. Warum sollten wir es nicht auch bei moralischen Fragen anerkennen, wenn Kinder ihre bereits entwickelten moralischen Kompetenzen anwenden? Dadurch können wir sie auf diesem Weg weiter bestärken.

Privat

Publikation

Monika Witzke: Moralerziehung in der Familie. Eine empirische Studie über reziproke Vermittlungs- und Aneignungstätigkeiten in Eltern-Kind-Beziehungen mit Fokus auf moralbezogene Regelbrüche sowie Leit-, Selbst- und Fremdbilder. Klinkhardt forschung, 2020. 254 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-7815-2386-9 (eBook ISBN 978-3-7815-5830-4)

 

Ansprechpartnerin

Dr. Monika Witzke

E-Mail: monika.witzke@lehrb.ksh-m.de

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