Press release 65/22 - 08.07.2022

Mehrsprachigkeit und Alltagsrassismus

Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien 2022 verliehen

Der Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien 2022 geht an Dr. Yasemin Uçan (Universität Kassel) für ihre Dissertation über mehrsprachige Erziehung. Krishanthi Paramalingam und Kristofer Weinstein-Storey (Universität Hamburg) erhalten den Förderpreis für ihre gemeinsame Masterarbeit über die Perspektiven junger Erwachsener auf Rassismus und Alltagsrassismus. Gemeinsam mit dem Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FiLL e.V.) und der Friedensstadt Augsburg verlieh die Universität Augsburg die Preise am 7. Juli.

Dr. Yasemin Uçan hat mit ihrer Arbeit „Erziehungsziel Mehrsprachigkeit. Eine qualitative Studie zu Erziehung und Elternschaft im Kontext von Migration“ herausgefunden, wie vielfältig und differenziert sich die Perspektiven der Eltern auf familiäre Mehrsprachigkeit darstellen und wie viel (unsichtbare) Arbeit und Reflexionsleistung in die mehrsprachige Erziehung des Kindes fließen. Von diesen Prozessen ist in Wissenschaft und Öffentlichkeit bisher wenig bekannt. Sie erhofft sich mehr Anerkennung und gesellschaftliche Würdigung des Themas Elternschaft und Mehrsprachigkeit im Kontext von Migration.

Die Preisverleihung fand am 7. Juli 2022 im Goldenen Saal der Stadt Augsburg statt. © Universität Augsburg

Die Bearbeitung erforderte die Verknüpfung unterschiedlicher theoretischer und disziplinärer Ansätze und Zugänge. Ihre Forschung war gekennzeichnet durch einen mehrsprachigen Zugang in der Erhebung und Auswertung der Interviews, der mit vielen methodischen und methodologischen Fragen und Reflexionen von Verstehen, Nichtverstehen und Übersetzen einherging. Der Preis bedeutet somit auch eine Würdigung mehrsprachigen Forschens.

 

Dr. Yasemin Uçan erhielt den Preis für Ihre Promotion „Erziehungsziel Mehrsprachigkeit. Eine qualitative Studie zu Erziehung und Elternschaft im Kontext von Migration" © Universität Augsburg

Uçan reichte ihre Dissertation „Erziehungsziel Mehrsprachigkeit. Eine qualitative Studie zu Erziehung und Elternschaft im Kontext von Migration“ 2020 an der Universität Kassel ein. In Zukunft möchte sie sich wissenschaftlich mit der Verwobenheit von Sprachen und Biografien auseinandersetzen. Ausgehend von den Erkenntnissen ihrer Dissertation folgen Untersuchungen, wie sprachenbezogene Erfahrungen von Sprechern und Sprecherinnen von Migrations- und Minderheitensprachen in der eigenen (auch familiären) Biografie verhandelt werden. Methodische und methodologische Fragen des mehrsprachigen Forschens werden sie dabei weiterhin begleiten.

Perspektiven des Alltagsrassismus

Im Rahmen ihrer Masterarbeit „Wo kommst Du her? Die Perspektiven deutscher Schüler:innen auf das Thema Rassismus - Rassismus thematisiert und reflektiert durch Theater", eingereicht an der Universität Hamburg, präsentieren Frau Krishanthi Paramalingam und Herr Kristofer Weinstein-Storey die Ergebnisse ihrer qualitativen Forschung, welche die Perspektiven junger Erwachsener auf Rassismus und Alltagsrassismus untersucht. Dazu wurden zwei Gruppen von Schülerinnen und Schülern aus zwei unterschiedlichen Schulen und Schulformen befragt -  Schwarze bzw. PoC  und weiße privilegierte Schülerinnen und Schüler. Die Perspektiven und Erfahrungen der deutschen PoC Schülerinnen und Schüler wurden in einem zweimonatigen Probenprozess in das Theaterstück – Wo kommst Du her? – transformiert und aufgeführt. Das Theaterstück fungierte als Stimulus für die Untersuchung, ob und in wieweit die Erarbeitung und die Aufführung bzw. die Rezeption des Theaterstücks einen Perspektivenwechsel bei den Gruppen bewirkte. Paramalingam und Weinstein-Storey fanden im „Happyland“-Ansatz aus Tupoka Ogettes exit RACISM die Grundlagen für ihre Recherche und Analyse.

Die beiden Preisträger des Förderpreises Kristofer Weinstein-Storey (links) und Krishanthi Paramalingam. © Universität Augsburg

Neben der wissenschaftlichen Erforschung der vielfältigen Perspektiven auf Rassismus und Alltagsrassismus leistete die Forschung von Paramalingam und Weinstein-Storey ebenso einen bedeutenden Beitrag zur Empowerment-Arbeit für die deutschen PoC SchülerInnen. Durch die Auseinandersetzung mit Rassismuserfahrungen und deren Darstellung wurden Erlebnisse thematisiert, Identitäten reflektiert, Augen geöffnet und Dialoge eingeleitet.

Krishanthi Paramalingam und Kristofer Weinstein-Storey befinden sich in der letzten Phase ihres Referendariats in Hamburg. Sie sind mit der Realität konfrontiert, dass Rassismus und Alltagsrassismus Teil der Lebenswirklichkeit ihrer SchülerInnen sind. Die Forschungsergebnisse zeigen auch, dass rassismuskritische Bildung im schulischen Curriculum jedoch kaum Platz findet. Um an die  Forschungsarbeit anknüpfend, weiterführende rassismuskritische Arbeit anzustoßen, wurde durch die Verfilmung des Theaterstücks "Wo kommst Du her?" eine Möglichkeit bzw. ein Ansatzpunkt für einen Diskurs geschaffen: die beiden Ausgezeichneten arbeiten zusammen mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg an einer Fortbildungsreihe, um das didaktische Potenzial des Films auszuarbeiten, so dass dieser in Hamburger Schulen als Anstoß für rassismuskritische Bildung Verwendung findet.

Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien

Der Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien, der 1997 auf Initiative des Gründers von FiLL e. V., des Unternehmers und späteren Augsburger Friedenspreisträgers Helmut Hartmann, erstmals ausgeschrieben wurde, zeichnet hervorragende Leistungen von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern aus, deren Forschung sich mit der interkulturellen Wirklichkeit in Deutschland und den damit zusammenhängenden Fragen und Herausforderungen auseinandersetzt.

Die Ausschreibung wendet sich an alle wissenschaftlichen Disziplinen und will in besonderer Weise interdisziplinär und innovativ angelegte Qualifikationsarbeiten prämieren. Mit der Vergabe des Preises sollen Anreize für thematisch einschlägige Forschungsarbeiten gegeben und interkulturelle Fragestellungen besonders gefördert werden. Damit ist das Anliegen verbunden, dass die Wissenschaft Forschungsergebnisse bereitstellt, die einen Beitrag zum besseren Verständnis einer von „Diversity“ geprägten Gesellschaft und den hier notwendig werdenden Gestaltungsformen leisten.

Durch die Auszeichnung exzellenter Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wird die Bedeutsamkeit interkultureller Studien für ein friedliches Zusammenleben in offenen Gesellschaften hervorgehoben und die wissenschaftliche Entwicklung im Hinblick darauf unterstützt und vorangetrieben.

Die Ausschreibung für den Preis 2023 ist bereits für Bewerbungen offen.

 

Ansprechpartnerin

Kristina Lang
Veranstaltungen
Stabsstelle Kommunikation & Marketing

Medienkontakt

Corina Härning
Stellvertretende Pressesprecherin
Stabsstelle Kommunikation & Marketing

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