UPD 57/20 - 25.09.2020

Keine Strafe Gottes

Theologischer Sammelband behandelt die Coronakrise aus unterschiedlichen Perspektiven. Einer der Herausgeber ist der Augsburger Kirchenhistoriker Ernesti.

Augsburg/CH/FL – Ist die Covid-19-Pandemie eine gottgesandte Strafe? Welche Antworten findet Papst Franziskus in der Krise? Inwieweit können Gottesdienste im Fernsehen oder in den sozialen Medien die tatsächliche Zusammenkunft der Gläubigen ersetzen? Das kommende Brixner Theologische Jahrbuch möchte Antworten auf Fragen wie diese geben. Mitherausgeber ist Prof. Dr. Dr. Jörg Ernesti, Kirchenhistoriker der Universität Augsburg.

 

Am Karfreitag um 15:30 Uhr kam es im italienischen Fernsehen zu einer ungewöhnlichen Premiere: Während der Live-Ausstrahlung des katholischen Magazins „A Sua immagine“ meldete sich ein prominenter Anrufer zu Wort – Papst Franziskus. „Guten Abend, Lorena, wie geht es Ihnen“, begrüßte er die offenkundig überraschte Moderatorin. „Haben Sie meine Stimme erkannt?“ Wie er diese schwierige Zeit erlebe, fragte sie ihn. „Ich denke an den Herrn am Kreuz […], aber auch […] an die Gekreuzigten dieser Pandemie: Ärzte und Ärztinnen, Krankenschwestern, Pfleger und Pflegerinnen, Ordensschwestern und Priester“, antwortete er.

Für Ernesti steht dieser Auftritt sinnbildlich für die Gabe des Pontifex, die verunsicherte italienische Nation, die durch die Seuche besonders hart getroffen war, wieder aufzurichten. Auch wenn er dabei mitunter völlig neue Wege beschreite, knüpfe er auf der anderen Seite bewusst an alte Traditionen an – zum Beispiel, als er Mitte März auf dem Höhepunkt der Pandemie das Marienbild „Salus Populi Romani“ aufsuchte: das Gemälde, dass Papst Gregor der Große vor mehr als 1.400 Jahren in den Petersdom hat bringen lassen, um die Gottesmutter um Beistand gegen die damals wütende Pest zu bitten. „Franziskus probt den Spagat zwischen Zeitgeist und Tradition“, urteilt der Kirchenhistoriker. „Und das gelang ihm während der Pandemie ausgesprochen gut.“

Liturgisches Leben in der Pandemie

Ernesti untersucht in seinem Beitrag für das Brixner Theologische Jahrbuch, wie Papst Franziskus während der Corona-Krise die Rolle als „Sprecher aller Menschen guten Willen und moralisches Gewissen der Menschheit“ ausfüllt. Er ist Mitherausgeber des Sammelbandes, der jedes Jahr ein aktuelles Thema aus Kirche und Gesellschaft aufgreift, dem sich die Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven widmen. Die aktuell in Arbeit befindliche Ausgabe hat ihren Fokus auf der Pandemie – angefangen von kirchenrechtlichen Aspekten wie dem Gottesdienst-Verbot bis hin zu der liturgiewissenschaftlichen Frage, inwieweit digitale Medien die tatsächliche Zusammenkunft der Gläubigen zumindest temporär ersetzen können.

Das Jahrbuch thematisiert auch ein Problem, das momentan weltweit viele Gläubige beschäftigt: Inwieweit lässt sich eine Seuche, die rund um den Globus Hunderttausende dahinrafft, mit der Vorstellung eines liebenden und gütigen Gottes vereinbaren? Papst Franziskus hat sich in den letzten Monaten immer wieder explizit gegen die Deutung ausgesprochen, das Corona-Virus sei eine Strafe Gottes für die zunehmende Dekadenz der Menschen und ihre Abwendung vom Glauben. „Unter kirchlichen Fundamentalisten ist diese Interpretation weit verbreitet, etwa bei den evangelikalen Christen“, betont Ernesti. „Ein willkürlich strafender Gott ist aber mit der christlichen Gottesauffassung unvereinbar; das ist in den christlichen Großkirchen Konsens.“

Die Frage, warum Gott das Übel dieser Welt zulassen kann, treibt die Menschen schon seit der Antike um. Die Antwort, dass er die Menschen für ihre Verfehlungen strafe, könne aber nicht als gültige Erklärung herhalten, betont auch der Brixner Dogmatik-Professor Dr. Christoph Amor in seinem Jahrbuch-Beitrag. Sein Fazit zu dieser Frage könnte klarer kaum ausfallen: „Der Glaube an einen Gott, der selbst Böses und Übel verursacht, indem er seine (All-)Macht missbraucht, ist weder intellektuell noch ethisch verantwortbar.“

Das Brixner Theologische Jahrbuch 2020 erscheint voraussichtlicht im Dezember.

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