Pressemitteilung 49/21 - 10.05.2021

Die Sammlung lebt

Die „Bibliothek der verbrannten Bücher“ in der Universitätsbibliothek wächst nach wie vor – „Stern der Erlösung“ ist der jüngste Neuzugang.

Augsburg/CH – Der Gedenktag an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 hat für die Universitätsbibliothek Augsburg jedes Jahr eine besondere Bedeutung. Ist sie doch im Besitz der „Bibliothek der verbrannten Bücher“. Die weltweit einmalige Sammlung, zusammengetragen von Georg Salzmann, beinhaltet in Nazi-Deutschland verbotene oder geächtete Literatur. 2021 ist die Sammlung um einen besonderen, verbrannten Band gewachsen.

Als Historiker und Philosoph war Franz Rosenzweig zuvor kein Teil der Salzmann-Sammlung in der Universitätsbibliothek Augsburg. © Universität Augsburg

Als die Bücher brannten und Schaulustige johlten, als am 10. Mai 1933 und später in Berlin und anderswo Studenten Literatur in die Flammen warfen, war Georg Salzmann vier Jahre alt. Er konnte damals weder lesen noch sah er die Feuer und doch prägten ihn die brennenden Bücher. Sie wurden seine Bestimmung, sein Weg und sein Vermächtnis. Salzmann sammelte Literatur, die im nationalsozialistischen Deutschland verboten oder geächtet war. Rund 8.800 Titel von über 300 Autorinnen und Autoren kamen zusammen. Im Jahr 2009 übertrug er die Bücher an die Universitätsbibliothek Augsburg.

Die Sammlung ist so bedeutend wie einzigartig. Salzmann kaufte überwiegend Erstausgaben. Von circa 40 Autorinnen und Autoren sind diese vollständig oder nahezu komplett. In der Universitätsbibliothek wurde die Sammlung erstmals umfassend erschlossen und katalogisiert. Gemäß dem Willen des Sammlers stehen die Bücher heute jedermann zum Blättern und Lesen zur Verfügung, ein eigener Sonderleseraum in der Teilbibliothek Geisteswissenschaften wurde 2010 für sie eingerichtet.

Nach 2009 führte die Universitätsbibliothek das Werk Salzmanns fort und erwarb circa 900 weitere, noch fehlende Erstausgaben, darunter zum Beispiel Anna Seghers‘ „Das siebte Kreuz“ von 1942. Jüngst ist ein ganz besonderer Band dazugekommen: Ein Exemplar von „Stern der Erlösung“, einer philosophischen Schrift des Historikers und jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig. Die Erstausgabe von 1921 ist eine Schenkung von PD Dr. Jens Soentgen. Der Chemiker und Philosoph leitet an der Universität Augsburg das Wissenschaftszentrum Umwelt.

 

© Universität Augsburg

 

Oft erwähnt, doch kaum gelesen

Das Exemplar ist einzigartig, trägt es doch sehr deutliche, alte Brandspuren am Bucheinband. Ob es tatsächlich 1933 in einem der Scheiterhaufen lag oder später in der Reichspogromnacht beziehungsweise den Kriegswirren Schaden nahm, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Der Symbolcharakter für die Sammlung genau dieses Exemplars jedoch ist bedeutsam.


Rosenzweig, der von 1886 bis 1926 lebte, formulierte in „Stern der Erlösung“ neuartige philosophische Gedanken, die später zum Kern der Existenzphilosophie wurden, und heute überwiegend Martin Heidegger zugeordnet werden, dessen Hauptwerk „Sein und Zeit“ jedoch erst fünf Jahre nach Rosenzweigs Werk erschien. Walter Benjamin nannte das Buch als es erschein ein philosophisches Jahrhundertwerk. „Rosenzweig hat auch ein Grundlagenwerk zu Hegel verfasst und einen zentralen Text des Idealismus entdeckt und ediert. Er wird gelegentlich erwähnt, noch seltener gelesen und ist fast vergessen – ganz im Gegensatz zu Martin Heidegger, der sich Anfang der 1930er Jahre begeistert für den NS-Staat engagierte“, erklärt Soentgen. „Das ist eine von vielen verdeckten Spätwirkungen des Nationalsozialismus, eine Schande.“ Es gehe nicht darum, Heideggers Denken abzuwerten; doch sei Rosenzweig ein hochkreativer und wichtiger Denker, der endlich wiederentdeckt werden müsse.


Georg Salzmann sammelte, damit die Nationalsozialisten ihr Ziel, ihnen missliebige Literatur zum Verstummen zu bringen, nicht erreichen. „Stern der Erlösung“ ist deshalb eine wichtige und notwendige Ergänzung der „Bibliothek der verbrannten Bücher“.

Lebendig wachsen

„Die Entscheidung, eine solche Büchersammlung fortzuführen oder als abgeschlossen im Ist-Zustand zu belassen, ist für Bibliothekarinnen und Bibliothekare schwierig und folgenreich“, sagt Dr. Andrea Voß, die die Sammlung von Seiten der Universitätsbibliothek seit 2018 betreut. „Wollen wir sie museal bewahren oder lebendig wachsen und sich weiterentwickeln lassen?“
Das Lebendige und Offene passte jedoch, so entschied die Universität 2009, eher zum Wunsch des Sammlers Salzmann, dem es wichtig war, die verfemten Bücher zugänglich zu halten für Studierende, Lehrende und alle, die sich für sie interessieren. „Neue Bände bringen auch neue Perspektiven, unentdeckte Texte und andere Blickwinkel in die Sammlung“, sagt Andrea Voß. Georg Salzmann selbst sammelte in erster Linie literarische Texte und hatte eindeutig Lieblingsautoren wie Stefan Zweig.
Als Historiker und Philosoph war Franz Rosenzweig zuvor kein Teil der Salzmann-Sammlung in der Universitätsbibliothek Augsburg.

Zur Bibliothek der verbrannten Bücher

Ansprechpartner

Dr. Andrea Voß
Fachreferate Germanistik; Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsbibliothek

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