Die englisch-venezianische Autorin Giustiniana Wynne (1737-1791), Gräfin Rosenberg-Orsini, ist vor allem für ihren anthropologischen Roman Les Morlaques (1788) bekannt, der wie alle ihre Werke auf Französisch verfasst wurde. Aufgrund ihrer Abstammung (englischer Vater und venezianische Mutter) und ihrer Ehe mit dem österreichischen Botschafter in Venedig, Philipp Joseph Rosenberg-Orsini (1691-1765) zählt sie zu den Schlüsselfiguren des Kosmopolitismus des venezianischen 18. Jahrhunderts. Wie ihre literarischen Werke (Seth/von Kulessa 2021) ist ihre umfangreiche Korrespondenz mit Freunden aus Venetien und ganz Europa (z. B. Andrea Memmo, Elisabetta Mosconi, Aurelio Bertola, Bartolomeo Benincasa und William Beckford) zu Großteilen in französischer Sprache verfasst. Sie stand in Kontakt mit vielen führenden Intellektuellen ihrer Zeit, darunter Ippolito Pindemonte, Melchiorre Cesarotti, Alberto Fortis oder Giacomo Casanova, Künstlern wie dem berühmten Kastraten Gaspare Pacchierotti, Leopold Mozart, Diplomaten (den französischen und britischen Botschaftern in Russland), Politikern (z. B. Angelo Quirini) und Monarchen (Katharina II. von Russland). Ausgehend von Giustiniana Wynnes eigener Korrespondenz zielt das Projekt auf die Rekonstruktion und Analyse der sozialen Netzwerkbildung in Briefform sowie auf die Analyse der Gattung des privaten Briefes als Vorform der heutigen social media. Die Frage nach Strategien und Ziel brieflicher Selbstdarstellung steht dabei im Vordergrund. Briefwechsel verstanden als Beziehungsökonomien verweisen auf die Polyvalenz und Komplexität dieser Kommunikationsform der frühen Neuzeit, die sich nicht zuletzt als politischer Handlungsraum begreifen lässt. Das Projekt zielt auf die Darstellung dieses komplexen Netzwerkes mit Hilfe der Digital Humanities sowie der Publikation kritischer Editionen eines Teils der involvierten Briefwechsel.

Lehrstuhlinhaberin
Romanische Literaturwissenschaft (Französisch/Italienisch)

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