„Humboldt“ – Die Karriere eines Topos von der Gründung der Berliner Universität bis heute

  • Veranstaltungsdetails
  • 13.01.2020, 18:00 Uhr - 20:00 Uhr 
  • Ort: HS III, Hörsaalzentrum, Universität Augsburg, Universitätsstr. 10, Augsburg
  • Veranstalter: Institut für Europäische Kulturgeschichte
  • Themenbereiche: Sprache, Literatur und Geschichte, Geschichte
  • Veranstaltungsreihe: Colloquium Augustanum 2019/20
  • Vortragsreihe
  • Vortragende: Prof. Dr. Mitchell Ash
Portrait Mitchell Ash © Universität Augsburg

Das Institut für Europäische Kulturgeschichte lädt in der Reihe "Colloquium Augustanum" zum Vortrag von Prof. Dr. Mitchell Ash (Wien) zum Thema: "„Humboldt“ – Die Karriere eines Topos von der Gründung der Berliner Universität bis heute" ein.


In diesem Vortrag geht es zunächst um die Neuausrichtung der deutschsprachigen Universitäten um 1800, die durch die Gründung der Universität Berlin 1809 symbolisiert wird, aber mit dieser nicht begonnen hat. Nach einem knappen Umriss der wesentlichen Aspekte dieser Universitätsreform, deren Folgen in Form der moder-nen Forschungsuniversität deutscher Prägung allerdings erst Jahrzehnte später sichtbar wurden, werden dann verschiedene Phasen des Umgangs mit der Figur eines der Hauptgründer der Berliner Universität, Wilhelm von Humboldt, beleuchtet. Dabei soll eine kulturhistorische Perspektive eingenommen werden. Die These lautet, dass „Humboldt“ weniger als eine reale Person denn als ein Topos zu begreifen ist – eine symbolische Chiffre, mit deren Hilfe sowohl ideale (Wunsch)Bilder als auch reale Machtverhältnisse der deutschsprachigen Universitäten verkörpert wur-den bzw. werden sollten. Demnach war und ist der heute viel zitierte „Mythos Humboldt“ keine Lüge, sondern Grundlage einer heldenhaften, identitätsstiftenden „Origin Story“. Trotz des Verrats an diesem hehren Ideal im Nationalsozialismus behielt diese Erzählung ihre Anziehungskraft als Leitbild auch für junge Studierende aus bildungsfernen Schichten am Beginn der Öffnung der Universitäten in den 1960er Jahren eine Zeit lang bei. Seit den 1990er Jahren jedoch ist die Behauptung, dass „Humboldt“ im Zeitalter der Massenuniversität „tot“ sei, nicht zuletzt aus den Federn technokratischer Reformer, stärker zu vernehmen. Ist „Humboldt“ im Zeitalter von „Bologna“ tatsächlich „tot“, oder soll eher von „Humboldt dem Untoten“ die Rede sein, der als Zombie noch unter uns herumwandert, weil bislang noch keine neue, identitätsstiftende Erzählung erfunden wurde, deren Anziehungskraft als Leitbild mit der der Vorgängerin vergleichbar wäre?

Prof. Dr. Mitchell Ash (PhD Harvard University) ist emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und war von 2010 bis 2018 Sprecher des Doktoratskol-legs „Naturwissenschaften im historischen, philosophischen und kulturellen Kontext“ an der Universität Wien. Er ist Ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sowie der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und Mitglied der „Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften". Der wichtigste seiner Forschungsschwerpunkte ist die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, insbesondere die Geschichte der Beziehungen von Wissenschaften, Politik und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert.
Neuere Buchtitel in diesem Felde sind u.a.:
-Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus. Das Beispiel der Universität Wien (Hg. mit Wolfram Nieß und Ramon Pils). Göttingen 2010;
-The Nationalisation of Scientific Knowledge in the Habsburg Empire (1848 - 1918) (first editor, with Jan Surman). Basingstoke 2012;
-Universität - Politik - Gesellschaft (Hg. mit Joseph Ehmer) (650 Jahre Universität Wien, Bd. 2). Göttingen 2015. Darin: Die Universität Wien in den politischen Umbruchzeiten des 19. und 20. Jahrhunderts, S. 29-172; sowie
-Wissenschaft, Technologie und industrielle Entwicklung in Zentraleuropa im Kalten Krieg (Hg. mit Wolfgang R. Reiter, Juliane Mikoletzky, und Herbert Matis). Münster/Wien 2017.
-Zum Vortragsthema siehe auch: Einheitliche „Idee“ und reale Funktionsvielfalt der Universität, oder: die Universität – Forschungseinrichtung oder Mehrzweckhalle? Forschung 10:1 (2017), S. 16-20.

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