Universitäten zwischen gesellschaftlichem Aufbruch und Kaltem Krieg - Die Hochschulreformen der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren

  • Veranstaltungsdetails
  • 03.02.2020, 18:00 Uhr - 20:00 Uhr 
  • Ort: HS III, Hörsaalzentrum, Universität Augsburg, Universitätsstr. 10, Augsburg
  • Veranstalter: Institut für Europäische Kulturgeschichte
  • Themenbereiche: Akademisches (Gesamtuniversitäres), Sprache, Literatur und Geschichte, Geschichte
  • Veranstaltungsreihe: Colloquium Augustanum 2019/20
  • Vortragsreihe
  • Vortragende: Prof. Dr. Anne Rohstock
Portrait Anne Rohstock Uni Tübingen

Das Institut für Europäische Kulturgeschichte lädt in der Reihe "Colloquium Augustanum" zum Vortrag von Prof. Dr. Anne Rohstock (Tübingen) zum Thema: "Universitäten zwischen gesellschaftlichem Aufbruch und Kaltem Krieg - Die Hochschulreformen der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren" ein.


Für die bundesdeutsche Öffentlichkeit stand lange Zeit außer Frage: Die Studierendenrevolte des Jahres 1968 hat die Hochschulen grundlegend verändert zurückgelassen. Auf dem Höhepunkt der Proteste habe sich die Politik gezwungen gesehen, den studentischen Forderungen – insbesondere der nach der Demokratisierung der alten Ordinarienuniversität – nachzugeben. Die umfassende Hochschulreform, die Bund und Länder in den 1960er und 1970er Jahren in Angriff nahmen, wurden deswegen lange Zeit ursächlich dem hochschulpolitischen Engagement der Studierenden zugeschrieben (Rohstock 2011). Die These meines Beitrags lautet demgegenüber: Die Studierendenbewegung des Jahres 1968 hatte zwar Einfluss auf die Veränderung der Universitäten, war aber weder der einzige noch der alles bestimmende Faktor des ausgemachten Wandels. Zum einen scheint »1968« nur der besonders lautstarke Teil einer Liberalisierungsbewegung gewesen zu sein, die zeitlich erheblich früher einsetzte und den Boden dafür bereitete, dass viele Forderungen von »1968« tatsächlich Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre politisch umgesetzt wurden (vgl. zusammenfassend Wengst 2011). Zum anderen spricht einiges dafür, dass die spektakulären, kurzfristig Aufmerksamkeit erregenden Aktionen wie Sit-ins in Hörsälen, Vorlesungssprengungen und Rektoratsbesetzungen langfristig viel wirkmächtigere Entwicklungen im Hochschulbereich verdeckt haben, deren Auswirkungen im Grunde genommen noch heute spürbar sind. Zu diesen langfristigen Entwicklungen, die gewissermaßen auf der Hinterbühne des Protestgeschehens abliefen, gehört insbesondere das wachsende Interesse zahlreicher politischer Akteure an dem Feld der Hochschulpolitik seit den frühen 1960er Jahren. Hier entwickelte sich allererst, was wir heute als Hochschulpolitik bezeichnen – und sorgte für heftige Konflikte mit den Universitäten. Die Entstehungsgeschichte des Feldes Hochschulpolitik führt ihrerseits tief in den Kontext des Kalten Kriegs und auf die internationale Bühne: Befördert durch den Zweiten Weltkrieg begann sich – flankiert durch zahlreiche Wissenschaften – die Herausbildung einer neuen Rationalität (Erickson u.a. 2013) abzuzeichnen, die erhebliche Auswirkungen auf die Art und Weise hatte, wie über Wissenschaft und Bildung sowie ihre mögliche Reform nachgedacht wurde.
Zur Person:
Anne Rohstock ist Professorin für Allgemeine Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sie studierte Erziehungswissenschaft, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Dresden und München und promovierte 2010 in Geschichte an der Universität Regensburg. Von 2004 bis 2008 war sie Assistentin des Stellvertretenden Direktors am Institut für Zeitgeschichte München und schrieb ihre Dissertation zum Einfluss der „Studentenrevolte“ des Jahres 1968 auf die Hochschulreformen der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren. Nach kurzen Stationen an der Universität Erlangen-Nürnberg und der Eberhard Karls Universität Tübingen wechselte sie 2010 an die Universität Luxemburg, wo sie drei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin und Teil des internationalen Netzwerkes History and Theory of Education war. Seit 2013 lehrt und forscht sie am Institut für Erziehungswissenschaft in Tübingen. Ihre Schwerpunkte liegen auf den Bildungs- und Hochschulreformen des 20. Jahrhunderts, die sie aus einer theoriegeleiteten, kultur- und wissensgeschichtlich sowie transnational ausgerichteten Perspektive in den Blick nimmt. Sie beschäftigt sich zudem intensiv mit der Disziplingeschichte der Erziehungs- und Geschichtswissenschaft, der Governanceforschung, Praxis- und Versammlungstheorien, Postkritik, dem Neoinstitutionalismus sowie dem Posthumanismus. Zusammen mit Prof. Dr. Karin Amos leitet sie ein interdisziplinäres und internationales Projekt zu Verwissenschaftlichungsprozessen in der Spätmoderne, das vom Zukunftskonzept der Universität Tübingen im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert wird. Zudem hat sie vor kurzem zusammen mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern die englischsprachige open access Zeitschrift On Education: Journal for Research and Debate gegründet, die die akademische Reflexion über Bildung und Erziehung explizit gesellschaftlich und international weiten möchte – Ausgabe Nr. 6 ist soeben erschienen (https://www.oneducation.net).

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