Forschung und Projekte

Forschungsprojekte der Dozierenden

My research integrates developmental trauma theory and attachment research with dialogical and social philosophy in order to rethink relational healing under contemporary digital conditions. Building on attachment theory as developed by John Bowlby and Mary Ainsworth, I conceptualize developmental trauma not merely as a cluster of symptoms but as a disturbance in relational resonance. Early attachment disruptions are understood as embodied experiences of misattunement that shape implicit self-world models.
Philosophically, this clinical perspective is deepened through Martin Buber’s concept of the I–Thou encounter, which provides a normative horizon for therapeutic presence: healing requires moments of genuine relational address. At the same time, drawing on Hartmut Rosa’s theory of social acceleration and resonance, I examine how late-modern conditions systematically undermine stable attachment experiences. In dialogue with Byung-Chul Han’s critique of digital hyper-individualism, I explore how contemporary subjectivity oscillates between overstimulation and emotional withdrawal.
Within this framework, digital tools and chatbots are not viewed as substitutes for human relationships but as transitional relational spaces. Inspired by research on technology and relational expectation (e.g., Sherry Turkle), I investigate how AI-mediated dialogue can offer low-threshold, non-shaming, and continuously available interaction that may support affect regulation and narrative integration in individuals with attachment trauma.
My approach therefore bridges clinical psychology, philosophy of dialogue, and media theory. It aims to articulate a model of trauma healing that understands attachment repair as the restoration of resonance — whether in embodied therapeutic encounters or carefully designed digital dialogical environments.

 
Dr. Marion Friedrich

Die Forschungsgebiete von Uwe Meixner erstrecken sich über die gesamte Breite der theoretischen Philosophie, von der formalen Logik über die Philosophie des Geistes und die Husserl'sche Phänomenologie bis hin zur Metaphysik und philosophischen Theologie. Die Ergebnisse seiner Forschungen sind - über vier Jahrzehnte hinweg bis in die jüngste Zeit - in der Publikationsliste auf der Homepage von Uwe Meixner [https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philsoz/fakultat/analytische-philosophie/team/prof-dr-uwe-meixner-2/] dokumentiert. Der größte Teil seiner Publikationen ist im Repositorium der Universität, OPUS 4, elektronisch zugänglich und dort kostenfrei herunterladbar.

 

 

Uwe Meixner
Ich interessiere mich für Philosophie in allen ihren theoretischen und praktischen Aspekten, dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, Philosophie, Theologie, Mathematik und Naturwissenschaften miteinander zu verbinden. Seit meiner Dissertation „Unendlichkeit im Schnittpunkt von Mathematik und Theologie“ (2007) und meiner Habilitationsschrift „Gott und Zeit“ (2017) gibt es innerhalb dieses interdisziplinären Forschungsgebietes zwei Schwerpunkte, an denen ich auch aktuell wieder verstärkt arbeite. Der eine Schwerpunkt liegt im Bereich der philosophisch reflektierten mathematische Grundlagenforschung  (betreffend Grundlagen der Logik, Mengenlehre, Geometrie und Arithmetik mit besonderer Berücksichtigung des Unendlichkeitsbegriffs), und anknüpfend daran arbeite ich an einer möglichst verständlichen, systematischen und beweistechnisch lückenlosen Darstellung der für die Formulierung, Plausibilisierung und kritischen Erörterung zeitgenössischer physikalischer Theorien benötigten mathematischen Begriffe und Theoreme. Der zweite Schwerpunkt ist die Konzeption einer physikalisch fundierten philosophischen Kosmologie, in der Raum, Zeit und  Ewigkeit, Materie und Geist, sowie Relativitäts- und Quantentheorie eine wichtige Rolle spielen. Die beiden genannten Schwerpunktthemen verknüpfe ich – wie auch aus den Titel meiner Dissertation und demjenigen meiner Habilitationsschrift hervorgeht – auch gern mit theologischen Fragestellungen. 
Gott as Architect, Frontispiece of Bible Moralisée (13th century) Public Domain
 
@ Ludwig Neidhart
Seit meiner Dissertation, die dem *Stoffbegriff *gewidmet war (Das Unscheinbare, 1998, die Betreuer waren Hermann Schmitz und Gernot Böhme), habe ich immer wieder Beigetragen zu Stofflichkeit und Stoffen – aus phänomenologischer bzw. wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive.Für einen, der zunächst Chemie studierte und der Chemie immer positiv verbunden blieb, sicher eine naheliegende Themenwahl.
Mit der *stoffgeschichtlichen Forschung* habe ich in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen am WZU ein Modell disziplinübergreifender Forschung entwickelt, das, wie man mit Blick auf inzwischen viele Studien und Forschungsprojekte sagen kann, im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus Schule gemacht hat. Zur stoffgeschichtlichen Forschung habe ich nicht nur viele Einzelarbeiten und Ausstellungen, sondern auch methodische Beiträge geliefert. Der stoffgeschichtlichen Forschung habe ich auch in der mit Armin Reller begonnenen und von mir herausgegebenen *Buchreihe Stoffgeschichten* beim oekom-Verlag eine erste publizistische Heimat gegeben. Meine Augsburger Habilitationsschrift Konfliktstoffe (2019) fasst meine Überlegungen zu dieser narrativen Methode zusammen und erprobt sie an diversen Substanzen (darunter CO2, Kautschuk, Explosivstoffe).
Derzeit beschäftigt mich das *Elementenprojekt*, in dem ich mich mit Wasser, Erde, Feuer und Luft befasse. Gefragt wird anthropologisch und naturphilosophisch nach der nicht nur physischen, sondern metaphysischen Bedeutung dieser materiellen Urphänomene. Die Arbeiten zu Wasser, Feuer und Luft sind abgeschlossen und auch veröffentlicht. Auch hier kombiniere ich wieder Phänomenologie mit Wissenschaftsgeschichte.
Das Interesse für Stoffe, Stofflichkeit und Materialität bedingt auch mein starkes Interesse an der *Leibphilosophie*, weil der Leib als eine materiell gedachte Subjektivität angesehen werden kann. Trotz einiger grundlegender Divergenzen (siehe mein Buch Die verdeckte Wirklichkeit,1998) knüpfe ich hier an Hermann Schmitz an.Unter den neueren Philosophen ist vor allem Gaston Bachelard zu nennen, zu dessen Arbeit meine Forschung einige Parallelen hat. Denn wie Bachelard kombiniere ich phänomenologische mit wissenschaftsphilosophischen und wissenschaftshistorischen Methoden.
Schließlich bin ich als wissenschaftlicher Leiter des WZU auch als Moderator und Organisator mehrerer *interdisziplinärer Forschungs- und Lehrprojekte* tätig.
Viele meiner Publikationen, auch etliche Bücher sind open access verfügbar und können auf meiner Publikationsseite heruntergeladen werden:
 
 
Jens Soentgen
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Elena Tatievskaya

Warum werden wir im Umgang mit harten Technologien immer besser, während gleichzeitig die Probleme mit sogenannten „weichen Faktoren“ zunehmen? Was übersehen wir – was auch ChatGPT und vergleichbare Systeme nicht liefern? Um derartige Fragen zu bearbeiten, habe ich ausgehend von qualitativen Studien am Institut für Theoretische Philosophie der Otto-Friedrich-Universität ein Modell entwickelt, das menschliche Informationsverarbeitung systematisch beschreibt. Das digitale Modell mit 42 Schaltelementen wird ergänzt durch konkrete Anwendungsbezüge in der Wirtschaft und durch Perspektiven aus Psychologie, Philosophie, Literatur, Kunst und Mentalitätsgeschichte. Das Ergebnis ist ein universalwissenschaftlicher und transdisziplinärer Ansatz für (Selbst-)Führung. Damit lässt sich erschließen: worin sich menschliches Denken von künstlicher Intelligenz unterscheidet; unter welchen Bedingungen Menschen zu extremen politischen Haltungen neigen; was unserem modernen Alltag fehlt und zu Arbeitsunfähigkeit führt; worin ein Burn-out archaischen Initiationsriten gleicht; was ästhetische Wahrnehmung und wirtschaftliche Entscheidungen miteinander zu tun haben – und wie unsere industrielle Organisation von Wissen kognitive Mangelzustände erzeugt.

CC BY-NC-ND
PD Dr. Stefanie Voigt CC BY-NC-ND

 

Nach meinem Verständnis ist Philosophie wissenschaftliche Bemühen um eine umfassende Orientierung. Philosophische Forschung erkundet, wie sich dies unter den Bedingungen der jeweiligen Zeit vollziehen kann. Diese Bedingungen lassen sich unter dem Titel des Anthropozäns ansprechen als einer Zeit, in der menschliche Aktivität unsere Umwelt maßgeblich mitprägt, oft auf eine von uns nicht beabsichtigte, aber zu verantwortende Art und Weise. Die klassischen Fragen der Philosophie laut Kant – „Was können wir erkennen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir glauben?“ – spitzen sich zu in der Frage „Was ist der Mensch?“; sie weiten sich wieder, wenn wir heute fragen: „Was geschieht mit uns?“

Was mit der Philosophie analytischer Provenienz geschehen ist, erforsche ich in Hinsicht auf ihren Anfang bei Gottlob Frege und einen kritischen Wendepunkt bei Saul Kripke. Ein weiterer philosophiegeschichtlicher Kontext erschließt sich durch Blicke auf alternative Geschichtskonzeptionen der Frühen Neuzeit.

Was mit uns Menschen im Anthropozän geschieht, erkunde ich vor dem Hintergrund dieser forschungsleitenden Hypothese: Gemäß dem Panpsychismus sind einige Grundlagen der physischen Welt mentaler Art. Was dem zeitgenössischen Panpsychismus weitgehend fehlt, ist ein Blick auf Erfahrungsaspekte dieser Annahme. Sie lassen sich in der Neuen Phänomenologie finden, die den atmosphärischen Charakter des Mentalen betont. Wie es sich anfühlt, im Anthropozän zu leben, fasse ich mit Hilfe des Begriffs des logischen Narzissmus, der Identifikation von Sprecher-Subjekten mit ihren Standpunkten.

Was in und mit Wissenschaft geschieht, betrachte ich im Rahmen meiner Mitgliedschaft im Wissenschaftszentrum Umwelt und im Zentrum für Klimaresilienz unter dem Gesichtspunkt der Interdisziplinarität sowie der wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Implikationen der Environmental Humanities.

Abgeschlossen ist nun ein dreijähriges Projekt „Working Group on Environmental Aesthetics“, das ich mit Mitteln der kanadischen Forschungsförderung SSHRC zwischen 2023 und 2025 gemeinsam mit den Kollegen Sean McGrath (Memorial University of Newfoundland) und Tanehisa Otabe (University of Tokyo) geleitet habe.

 

CC BY-NC-ND
Prof. Dr. Uwe Voigt

Dissertationen

Ich versuche, zwei unterschiedliche akademische Welten näher zusammenzubringen: die Philosophie und die Meeresbiologie. Nach einem Bachelor- und Masterstudium in Philosophie an der Universität Augsburg habe ich zusätzlich Biologie an der LMU München sowie einen Master in Meereswissenschaften studiert. Heute lebe ich in Perth und promoviere an der University of Western Australia in Kollaboration mit Prof. Uwe Voigt an der Universität Augsburg.
In meinem PhD arbeite ich an einem transdisziplinären Projekt, das naturwissenschaftliche Methoden und philosophische Reflexion miteinander verbindet. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Menschen und Ozeanriesen, insbesondere Walhaien am Ningaloo Reef in Westaustralien. Ningaloo ist einer der wenigen Orte, an denen sich Walhaie regelmäßig aggregieren. Dadurch ist dort sowohl eine nachhaltige Tourismusindustrie als auch intensive Forschung an diesen planktonfressenden Riesen möglich. Wir haben viel über die Interaktionen gelernt und gleichzeitig lassen wir uns immer wieder von diesen charismatischen Tieren in ihren Bann ziehen.
Ein Teil meiner Forschung ist stark methodisch ausgerichtet. Mithilfe von Drohnenaufnahmen und Unterwasservideos entwickle ich Verfahren, um dreidimensionale Körpermodelle freischwimmender Walhaie zu rekonstruieren. Diese Modelle ermöglichen es, Körpervolumen und Körperkondition der Tiere zu bestimmen und damit ihren Gesundheitszustand besser einzuschätzen. Langfristig könnten solche Ansätze auch auf andere Ozeanriesen übertragen werden, die häufig als Indikatoren für den Zustand mariner Ökosysteme gelten.
Der philosophische Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mich mit der Frage, was es eigentlich bedeutet, andere Lebewesen und unsere Umwelt zu verstehen. Dabei begreife ich „Verstehen“ als einen sogenannten dichten Begriff, der Wissen, Erfahrung und Bewertung miteinander verbindet. Begegnungen mit Tieren lassen sich in diesem Zusammenhang als relationale Praxis verstehen, in der Menschen und andere Lebewesen in gemeinsamen Situationen aufeinander reagieren. Vor diesem Hintergrund untersuche ich, wie wissenschaftliche Erkenntnisse und konkrete Naturerfahrungen zusammenwirken können, um neue Formen eines relationalen Naturschutzes zu ermöglichen. 
Drohnenfoto Walhai CC BY-NC-ND
Laura-Marie Dehne CC BY-NC-ND

My project addresses the environmental crisis by arguing that fostering real change requires a radical shift in the assumptions underlying our ways of life. My thesis advocates for a transformation of our societal structures, opposing superficial adjustments, such as current sustainability policies, thus creating the space for new narratives to flourish. Developing these new narratives requires a multidisciplinary approach, given the complexity of the issue and the different spheres in which our assumptions operate.

The ways in which we think about the environmental crisis must be transformed, beginning with a modification in the assumptions underlying our habits.

The system we live in is modifiable, struggling against the false notion that there is no alternative. In our societies, it is common to present most of our rules, organizational praxis, and general assumptions as the result of nature. The naturalisation of something that is, in reality, the product of a process entails the belief that this something is eternal, static, and necessary. Consequently, it is always assumed as true and immutable, so that even when it is the source of the problems we are trying to solve, it remains untouched and continues to cause the same issues.

One of the most significant assumptions impacting the environment is the belief in the world as an immanent utopia. In Western societies, the world is mainly understood as ready to be shaped by the projects humanity wants to fulfil, and seen as an infinite world at our disposal. Normally, utopia should represent something that is not yet realised; in contemporary society, utopia is instead an immanent vision, lacking projection, and it moves not within the order of possibility as much as of the already realised.

The public discourse, around climate crisis too, is then shaped so that it does not invite a proactive attitude, but rather the acceptance of the status quo or, at best, short-term actions designed mainly to achieve maximum well-being with minimal effort and change. Emblematic of this attitude are the assumptions underlying the most recent sustainability policies in the organization of work.

There is no necessity in the way we live, work, and think. This entails the understanding of the world as a utopia in fieri. A true utopia arises from the necessity of modifying reality. My project aims to apply this kind of utopian thought to the discourse around the environmental crisis. We should envision the world as the product of many processes and practices that we have put in place. Understanding the world as a realised utopia prevents us from radically change our ways of life, whereas the idea of a utopia that has yet to come and has to be build encourages a proactive attitude and real engagement in exploring different solutions.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Angelus_Novus#/media/Datei:Klee-angelus-novus.jpg
 
Matilde Ferrucci CC BY-NC-ND

My dissertation, Ugly Nature: Negative Aesthetics and the Natural Environment, investigates how environmental aesthetics can help us better understand our relationship with nature by focusing on negative experiences including the ugly, the disgusting, and the ordinary. I argue that aesthetic value is pervasive in everyday life and forms an important part of the good life, yet it is often marginalised in environmental thought. By examining how we aesthetically experience nature, including neglected and damaged environments, I aim to offer a more nuanced picture of how we value environments and how this shapes our responses to ecological crises. I also examine the intimate relationship between aesthetics and ethics, arguing that aesthetic practices can support and inform moral practices by honing our imaginative and emotional responses, while recognising the limitations and possible conflicts between aesthetic and ethical considerations. 
The dissertation is divided into three parts and consists of six chapters. I begin by outlining a theoretical framework for the aesthetic experience of nature, proposing a cultural cognitivist approach. I then develop a systematic account of negative environmental aesthetics, focusing on the ugly, the disgusting, and the ordinary as categories that reveal aspects of nature that are usually ignored or devalued. I argue that the ugly is an aesthetic quality found in natural and built environments, whereas the disgusting, when directly experienced in nature, usually does not sustain an aesthetic response. I then examine the ordinary as a mixed quality that entails both pleasure and displeasure. Finally, I apply this framework to contemporary issues, especially the aesthetics of climate change. I explore how the aesthetic value of environments is altered by climate change, in light of negative aesthetics and cultural cognitivism. Overall, I defend negative environmental aesthetics as a way to acknowledge the true diversity of nature’s characteristics and to deepen our understanding of what is lost, and sometimes gained, in times of ecological crisis. 

Laura Fumagalli privat
© Universität Augsburg

Mein Forschungsprojekt widmet sich der wissenschaftstheoretischen Analyse von ad-hoc-Hypothesen in der Kosmologie, wobei die Diskussion anhand des aktuellen Beispiels der Dunklen Materie geführt wird. Ad-hoc-Hypothesen gelten in der Wissenschaftstheorie traditionell als problematisch, da sie den Verdacht erwecken, eher bestehende Theorien zu immunisieren, als zur tatsächlichen Erklärungskraft beizutragen. Im Zentrum steht daher die Frage, ob die Hypothese der Dunklen Materie als ad-hoc-Konstruktion einzuschätzen ist, oder ob sie legitime theoretische Funktionen erfüllt. Methodisch wird auf zentrale Positionen von Karl Popper, Imre Lakatos und Thomas Kuhn zurückgegriffen, um unterschiedliche Kriterien für den Umgang mit theoretischen Hilfshypothesen herauszuarbeiten. Anhand der historischen Entwicklung der Dunklen-Materie-Hypothese - von Zwickys Beobachtungen zu Galaxienhaufen bis hin zu modernen Simulationen und Detektionsexperimenten - wird untersucht, inwiefern diese Hypothese rein korrigierend wirkt, oder als heuristisches Forschungsprogramm zu verstehen ist. Ziel ist es, den Grenzbereich zwischen problematischer Immunisierung und legitimer Theorienbildung klarer zu bestimmen. Über die methodologischen Fragen hinaus führt die Analyse unmittelbar in die Realismus/Anti-Realismus-Debatte. Realistische Interpretationen betrachten Dunkle Materie als reale Entität, deren Existenz zwar empirisch noch nicht direkt bestätigt, aber theoretisch stark gestützt ist. Anti-Realistische Positionen hingegen verstehen sie primär als nützliche Fiktion oder heuristisches Hilfskonstrukt, das Beobachtungsdaten systematisch ordnet, ohne dass sich hieraus ontologische Verpflichtungen ergeben müssen. Gerade hier zeigt sich die Brisanz: Wird Dunkle Materie lediglich postuliert, um gravitative Anomalien zu retten, oder eröffnet sie den Zugang zu einer tieferen, ontologisch ernst zu nehmenden Beschreibung der Natur? 

Die Diskussion um die Dunkle Materie verdeutlicht, wie ad-hoc-Hypothesen nicht nur wissenschaftstheoretische Kritik provozieren, sondern auch Gelegenheit zur Neueinschätzung der mit ad-hoc-Hypothesen verbundenen Probleme bieten. Dunkle Materie ist nicht nur ein physikalisches Rätsel, sondern auch ein Prüfstein grundlegender wissenschaftstheoretischer und metaphysischer Fragestellungen. Die Arbeit argumentiert, dass die Diskussion um die  Dunkle Materie exemplarisch die Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Methodologie und Metaphysik markiert. 

Jackson Pollock, Number 14 (Gray), 1948. Jackson-pollock.org
Nurten Güler Güclü

Es wird untersucht, wie konkrete sinnlich-leibliche Begegnungen mit der Natur zahlreiche menschliche Tugenden fördern können, sodass eine Mitwelttugendethik (environmental virtue ethics) als notwendige Orientierung im Zeitalter globaler Polykrisen verstanden werden kann. Viele Menschen sind von ihrer umgebenden Mitwelt entfremdet; für Technik und Wissenschaft erscheint Natur häufig nur als austauschbare Ressource, die in ein rein quantitatives Denkraster gezwängt wird.
Gleichzeitig birgt die direkte Naturbegegnung das Potenzial, Natur wieder in Staunen und Ehrfurcht zu erleben. Ehrfurcht, die von D. v. Hildebrand als „Mutter aller Tugenden“ bezeichnet wird, ist untrennbar mit Liebe, Demut und Staunen verbunden. In ihr liegt die Möglichkeit, eine neue Wertschätzung der Natur als integralen Bestandteil eines guten Lebens zu entfalten. Sie eröffnet eine ethische Verbindlichkeit, die unsere multioptionale Gesellschaft oft nicht vermitteln kann, und ermöglicht die Erfahrung von Selbsttranszendenz in der Begegnung mit der Natur.
Mitwelttugendethik kann durch ein Verstärken von Empathie, die sich in der Naturbegegnung einüben lässt, dazu beitragen, eine neue Verbindlichkeit zu der uns umgebenden Natur aber auch zu unseren Mitmenschen aufzubauen. Dabei bleibt ein tugendethischer Ansatz zentriert auf die qualitative Ebene; auch ist das rechte Maß ein jeweils individuelles. Eine Mitwelttugendethik, welche die Schadnebenfolgen zeitigende Mensch-Naturentzweiung durch intensive, regelmäßig Naturbegegnung überbrücken hilft und damit die Grundlage schafft, Demut einzuüben, Selbstbewusstsein jenseits von Äußerlichkeiten zu stärken und dadurch das Engagement für die (zunächst) lokale Mitwelt einzutreten und Verantwortung zu übernehmen, wirkt umso stärker, je früher sie im Leben eingeübt wird.
 

Dr. Joachim Rathmann CC BY-NC-ND

Mein Forschungsprojekt untersucht, wie eschatologisches Denken – die Auseinandersetzung mit Zukunft, Schuld und Erlösung – in der säkularen Moderne in Zeiten der Klimakrise wieder fruchtbar gemacht werden kann. Ausgangspunkte der Arbeit bilden dabei das Klimaschutzurteil des Bundesverfassungsgerichts (2021), sowie das Anthropozän-Konzept. Zudem wird durch die Auseinandersetzung mit Papst Franziskus’ Umweltenzyklika 'Laudato Si’ (2015) verdeutlicht, wie theologische und ökologische Fragen heute untrennbar verbunden sind.
Zunächst wird in der Arbeit die Genealogie der Moderne kritisch nachgezeichnet, im Sinne einer Säkularisierung eschatologischen Denkens (Karl Löwith): Traditionelle Vorstellungen von Eschatologie und Transzendenz wurden dabei zunehmend verflacht, beispielsweise in linearen Fortschrittsnarrativen. Gleichzeitig er-folgte eine Vereindeutigung: Ambiguität und Widersprüche, die dem Eschatologischen eigen sind, wurden zugunsten klarer, rationaler Ordnungen (z. B. in Recht und Wissenschaft) ausgeblendet. Zudem erfolgte eine Verdinglichung der Natur, wodurch Natur zum Mittel der Selbsterlösung des Menschen durch Herrschaft wurde und so die ökologische Krise mitbedingt. Schließlich wurde Eschatologie verinnerlicht, im Sinne einer Sakralisierung des Individuums. Das Ende jener Entwicklung ist ein Konsumismus, der Erlösung im Konsum verspricht und so Eschatologie in eine säkulare „Endform“ überführt. Diese Endform findet sich daher in Hartmut Rosas „rasendem Stillstand“ und Francis Fukuyamas „Ende der Ge-schichte“ wieder, welches in Verbindung steht zu Hegels Aufhebung der Eschatologie. Gegen diese Verengung setzt die Arbeit Ansätze zur Wiedereröffnung eschatologischen Denkens. Inspiriert von Joseph Wohlmuths Dreischritt (Eschato-Ästhetik, -Logik, -Praxis) werden zunächst ästhetische Entwürfe der Frankfurter Schule auf ihre eschatologische Dimension hin untersucht. Daraufhin wird Fried-rich Wilhelm Joseph Schellings Philosophie analysiert, die eschatologisches Den-ken systematisch entfaltet. Anschließend wird Karl Jaspers’ Existenzphilosophie herangezogen, die eine Öffnung eschatologischen Denkens im Säkularen ermöglicht. Abschließend wird eine eschatologisch-politische Praxis skizziert. Die Arbeit zeigt damit auf, wie eschatologisches Denken nicht nur theologisch, sondern auch gesellschaftlich und politisch relevant bleibt, insbesondere angesichts globaler Herausforderungen wie der Klimakrise.
 

Heinrich Bloch, Transfiguration of Jesus CC BY-NC-ND
Felix Treutner CC BY-NC-ND

Habilitationen

Mein gegenwärtiger Fokus liegt auf der Analyse von Kriterien zur Konstituierung rationaler Weltbilder sowie auf dem Aufweis der in diesem Zusammenhang unhintergehbaren Rolle der Philosophie. Einen Schwerpunkt bildet die Untersuchung (sogenannter) „wissenschaftlicher Weltbilder“, deren notwendigerweise vorhandene nicht-wissenschaftliche (sondern philosophische) Komponenten von ihren Proponentinnen und Proponenten häufig verschwiegen oder schlicht nicht gesehen werden – und die, sofern reflektiert, oftmals von philosophisch äußerst fragwürdiger Natur sind. Besondere Kritik erfahren dabei verschiedene Reduktionismen, die in diesem Kontext vorwiegend in materialistischer, physikalistischer oder naturalistischer Gestalt auftreten. Neben erkenntnistheoretischen, wissenschaftstheoretischen und metaphysischen Überlegungen finden bei diesem Unterfangen auch technikphilosophische Zugänge aufgrund ihrer intensiven und multidimensionalen Auseinandersetzung mit der Instrumentalität von Mitteleinsätzen Verwendung.

Das Projekt ist gleichermaßen destruktiv wie konstruktiv. Der destruktive Aspekt besteht in der begründeten Zurückweisung intellektuell unredlicher Marginalisierungen der Philosophie sowie ungerechtfertigter Überhöhungen der Wissenschaft, der konstruktive Aspekt in der Ausarbeitung vor der Vernunft rechtfertigbarer epistemischer Weltzugänge, die auch die Unvermeidbarkeit echter Entscheidungen anerkennen. Dabei gilt es, eine fruchtbare Synthese aus Philosophie und Wissenschaft herzustellen, die auf der einen Seite unhaltbare szientistische Geltungsansprüche offenlegt und damit auch Wissenschaft vor einem Missbrauch schützt, auf der anderen Seite die philosophisch flankierte herausgehobene Erkenntnisfunktion der Wissenschaft in vielen Bereichen des menschlichen Lebens betont.
 
Dr. Heichele

Was sagen wir eigentlich über den Menschen, wenn wir über Künstliche Intelligenz sprechen? Das Forschungsprojekt geht von der These aus, dass Aussagen über KI immer auch Aussagen über das Menschenbild sind – und entwickelt daraus eine humanistische Philosophie der Künstlichen Intelligenz.

Im Zentrum steht die Denkfigur des Digitalozäns: Wir leben in einer Gegenwart, in der Verzifferung zum Leitmedium gesellschaftlicher Orientierung wird. Wo im Anthropozän Natur zur Gestaltungsaufgabe wurde, gerät im Digitalozän Menschlichkeit selbst unter Modellierungsdruck. Denken, Fühlen, Sprechen, Handeln und Urteilen werden zunehmend nach Maßstäben digitaler Optimierung bemessen.

Das Projekt verbindet philosophische Begriffsarbeit mit einer Diagnose der Gegenwart. Es legt die Unterbestimmtheit des KI-Begriffs frei, weist die verbreitete Gleichsetzung von Gehirn und Computer zurück und zeigt an zentralen Feldern – von Sprache und Kreativität über soziale Beziehungen bis hin zur Rechtsstaatlichkeit – eine wiederkehrende Bewegung auf: Nicht die Maschine wird ernsthaft menschenähnlich, sondern unser Begriff vom Menschen wird stillschweigend herabgesetzt, damit maschinelle Fähigkeitszuschreibungen überhaupt plausibel erscheinen. Im Anschluss an Positionen der philosophischen Anthropologie und der verkörperten Kognitionswissenschaft formuliert das Projekt eine Verteidigung des Menschen, die sich nicht gegen Technik richtet, sondern gegen Deutungen von Technik, die den Menschen umdefinieren.

Das Projekt mündet in eine Gestaltungsperspektive: Es verteidigt einen digitalen Humanismus, der Bildung, Urteilskraft und verantwortliche Einbettung von KI in Organisationen als konkrete Antworten auf die Herausforderungen des Digitalozäns begreift – und der Leiblichkeit, Verletzlichkeit und Endlichkeit nicht als Defizite versteht, sondern als Bedingungen gelingender menschlicher Existenz.

 

Dr. Sebastian Rosengrün; @ Frank Nürnberger

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Analytische Philosophie

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