Musils Entwurf einer Religion ohne Eigenschaften – Gott als Unendlichkeit der Möglichkeiten

Dissertationsprojekt von Sophia Leder

Im Zentrum von Musils Werk steht der Begriff der „Eigenschaftslosigkeit“. Dieser soll keineswegs eine Charakterschwäche, sondern eine bestimmte Haltung zur Welt ausdrücken.
Der eigenschaftslose Mensch ist mit Möglichkeitssinn ausgestattet, er sieht die Welt als Fluidum, als Pool an Möglichkeiten, die ebenso Realität werden könnten wie die gegenwärtige Wirklichkeit. In seinen Werken übt Musil Kritik an einem gewaltsamen System, das Gesellschaft und Staat dem Einzelnen aufoktroyieren. Dazu zählt er auch die institutionalisierte Kirche, die er als Teil dieses Systems ansieht. Für ihn bietet keine kirchliche Institution mehr eine Erklärung für die Welt, wie er sie sieht. Trotzdem fallen in seinen Werken immer wieder Begriffe, die dem Bereich des Religiösen angehören. Explizit hat er sich mit mystischen Texten Meister Eckarts und Martin Bubers beschäftigt. „Das Heilige“ oder „Gott“ sollen bei Musil jedoch nicht in einem theologischen Rahmen gedacht werden, sondern spielen sich auf dem Gebiet einer „immanenten Mystik“ ab. Die „Taghelle Mystik“ (MoE 1086) darf dabei nicht ins Irrationale abgleiten – ein Ausloten zwischen „Ratio und Mystik“, zwischen „Genauigkeit und Seele“ ist notwendig. In Kombination mit dem Möglichkeitssinn wird „Gott“ zu einer Chiffre für die „Unendlichkeit der Möglichkeiten“. Das Promotionsprojekt soll anhand verschiedener Werke Musils untersuchen, inwiefern im Text eine „Religion ohne Eigenschaften“ konstituiert wird.

 

Projektbetreuung:

Prof. Dr. Mathias Mayer

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