„Probiersteine“ - Strukturen des Wettens und seiner literarischen Darstellung

Dissertationsprojekt von Julian Werlitz

Put your money where your mouth is. – Das amerikanische Sprichwort formuliert einen ethischen Imperativ, nach dem man seinen Worten auch entsprechende Taten folgen lassen sollte, wobei die metaphorische Verschiebung auf das Geld andeutet, dass das Handeln gegenüber dem bloßen „Gerede“ ein Wagnis darstelle, das einzugehen erst den Wert der Aussage erweise. Nehmen wir den Satz hingegen wörtlich, beschreibt er ein kulturelles Phänomen, das sein Grundprinzip ins Agonal-Spielerische wendet: Das Wetten.

Wer wettet, versucht die eigene zukunftsbezogene Überzeugung gegen den Widerspruch eines anderen zu verteidigen. Die Kontrahenten verknüpfen dazu ihre Positionen mit dem Einsatz eines materiellen Werts: Weil die diskutierte Frage zunächst nicht geklärt werden kann, eskaliert das rhetorische Sich-Überbieten ins ökonomische. Damit erscheint die Wette als thematisch offene wie formal gebundene Erkenntnis- und Streitform, deren Grundstruktur sich in verschiedensten Wissen(schaft)sdiskursen verfolgen lässt.

Die Arbeit versucht deshalb, in interdisziplinären Skizzen (Philosophie, Religion, Ökonomie, Mathematik, Recht) einen vielfältig anschlussfähigen Begriff des Wettens vorzuschlagen. Dabei stehen wenige explizite Äußerungen zu diesem (Blaise Pascals „Wette auf die Existenz Gottes“ oder Kants Charakterisierung als „Probierstein“ der eigenen Überzeugung) neben ihm etymologisch (Vertragsrecht), perspektivisch (Wahrscheinlichkeitsrechnung) oder formal (Gottesurteil) verwandten Phänomenen.

Die derart beschriebene ‚Tätigkeit‘ hat, wird sie als Handlungselement literarisch erzählt, bestimmte – so die literaturwissenschaftliche These – formale und wirkungsästhetische Folgen für die Darstellung: Denn zwischen ihrem Abschluss und Ausgang setzt die erzählte Wette einen kontextbildenden Rahmen, innerhalb dessen die Ereignisse vom Leser immer auch als implizit durch die Abmachung motiviert verstanden werden. Diesem Zusammenspiel verdanken entsprechende Texte eine Spannungswirkung, die in der Entweder-Oder-Entscheidung jeder Wette bereits angelegt ist.

Sowohl in den kürzeren exemplarischen Lektüren, mit deren Hilfe diese Textstrategien vorgestellt werden, als auch in einer abschließenden Faust-Interpretation, zeigt sich aber: Für deren fiktive Konflikte ist die Wette die ‚falsche Form‘ der Erkenntissuche und Kontingenzbewältigung. An und mit ihr scheitern all die Figuren, die versuchen, die Unberechenbarkeit von Welt und Mitmensch durch die Quotierung von Wahrscheinlichkeit und materiellem Gewinn in den Griff zu bekommen. Im Blick der Literatur wird die Wette also immer wieder auch zum ethischen ‚Stolperstein‘.
 

Projektbetreuung:
Prof. Dr. Mathias Mayer

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