Forschung

Hier erhalten Sie einen Überblick über die Forschungsprojekte des Lehrstuhls Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg
Dean Drobot / Colourbox

Krieg und Gewalt im 19. und 20. Jahrhundert

Im Mittelpunkt steht das von der VolkswagenStiftung finanzierte Projekt: "Tod aus der Luft. Zivilgesellschaft, militärische Eskalation und die Kulturen des Krieges im 20. Jahrhundert". In dessen Rahmen beschäftigt sich  Sophia Dafinger mit den "Experten der Gewalt" und der sozialwissenschaftlichen Expertise militärstrategischer Planungen nach 1945, Martin Diebel  mit dem Zivilschutz in Deutschland und Großbritannien. Seine Studie ist soeben unter dem Titel erschienen:

 

Martin Diebel: Atomkrieg und andere Katastrophen. Zivil- und Katastrophen-schutz in der Bundesrepublik und Großbritannien nach 1945, Paderborn 2017.

 

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Beschäftigung mit der Erfahrungs- und Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus. Soeben erschienen ist die neue Studie von Dietmar Süß:

 

Dietmar Süß: 'Ein Volk, ein Reich, ein Führer' Die Deutsche Gesellschaft im Dritten Reich, München 2017.

 

 

 

Praktiken der Solidarität und der Arbeit seit dem 19. Jahrhundert

Ein im Februar 2018 neu gestartetes, vom BMBF finanziertes Forschungsprojekt untersucht gemeinsam mit Philosophen und Soziologen transnationale „Praktiken der Solidarität“. Das interdisziplinäre Projekt hat das Ziel, die Strukturen und Dynamiken, Bedingungen, Grenzen und Ambivalenzen solidarischer Praktiken zu untersuchen – und das für einen langen Zeitraum, im interdisziplinären Gespräch und im Austausch mit verschiedenen Praxispartnern zivilgesellschaftlicher Organisationen. Die Leitung des Verbundprojekts mit der Universität München (Prof. Stephan Lessenich, Institut für Soziologie) und der Hochschule für Philosophie (Prof. Michael Reder, Lehrstuhl für Praktische Philosophie) liegt am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte in Augsburg.

 

Zu den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen gehören Sophia Dafinger und Kornelia Rung, die sich mit der Geschichte der Hilfe für Flüchtende sowie mit den Debatten über „faire Produktionsbedingungen“ und „ethischen Konsum“ in der Textilindustrie seit den 1970er Jahren beschäftigen. Dietmar Süß arbeitet zudem an einer Studie, die sich mit dem Verhältnis von Arbeit und Solidarität seit dem 19. Jahrhundert beschäftigt.

 

Homepage des Projekts: https://praktiken-solidaritaet.de/ 

 

 

 

Geschichte des Rechtsextremismus

Das Projekt untersucht die seit den 1980er Jahren entstehenden zivilgesell-schaftlichen Initiativen in ihrer Auseinandersetzung mit rechtsextremen Parteien und Gruppierungen. Im Mittelpunkt stehen die konfligierenden Normen und Deutungsmuster, auf die sich die Akteure beriefen, die für sich selbst den An-spruch erhoben, die Demokratie zu verteidigen sowie ihre Strategien beim Konflikt um die Deutungshoheit im Umgang mit dem Rechtsextremismus. Die vielfältigen "Bündnisse gegen Rechts" waren ein zentraler Teil einer neu ent-stehenden politischen Kultur der alten „Bonner“ und später der jungen „Berliner“ Republik. Damit waren spezifische Aktionsformen, wie Lichterketten, Mahnwachen, Demonstrationen, Straßenblockaden oder politische Konzerte verbunden. Träger waren kirchliche, gewerkschaftliche und parteinahe (Ju-gend-) Organisationen, ebenso wie lokale Bürgerinitiativen, Opfergruppen, Journalisten-Netzwerke, sogenannte "Antifa"-Gruppen, Migrantengruppen sowie Rechtsanwälte, die Opfer rechtsradikaler Gewalt verteidigten und sich um die Betreuung der Hinterbliebenen kümmerten. Ein besonderes Augenmerk wird dabei den unterschiedlichen Opfergruppen rechtsextremer Gewalt, ihren medi-alen Darstellungen und ihren Formen der Selbstorganisation gelten.

 

Bearbeiter: Johannes Morelli, M.A.

 

 

 

Zeitgeschichte des Sterbens

Der Frage, wie sich Tod und Sterben im Verlauf des 20. Jahrhunderts veränder-ten, widmet sich das Lehrstuhl-Team in verschiedenen Zusammenhängen. Wahrnehmung und Erleben eines „gewaltsamen Todes“ sind Bestandteil der Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg. In einem von der DFG geförderten Projekt untersucht Florian Greiner die gesellschaftliche Auseinandersetzung um das Sterben in beiden deutschen Staaten nach 1945, also in jenen Jahren, in denen der „natürliche Tod“ zum bestimmenden Merkmal des Lebensendes wurde. Was machte für Zeitgenossen einen „guten Tod“ aus und mit welchen Mitteln wurde versucht, ein selbstbestimmtes „Sterben in Würde“ in modernen  Industriegesellschaften zu gewährleisten? Die – um internationale Ausblicke ergänzte – vergleichende deutsch-deutsche Verflechtungsgeschichte berücksichtigt zum einen die unter-schiedlichen politischen Konturen der beiden Staaten, nimmt zum anderen aber auch längere Traditionslinien und die gemeinsame NS-Vergangenheit von Bundesrepublik und DDR in den Blick. Die intensive Auseinandersetzung um die Probleme am Lebensende, insbesondere im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, erscheint als eine Sonde für allgemeine Entwicklungen, die Aufschluss über gesellschaftliche Konventionen, sozialen Wandel und vorherrschende normative Grundstrukturen geben kann.

Im Kontext des Forschungsschwerpunktes ist u.a. erschienen (auch mit einem Beitrag von Florian Greiner): 
Ute Planert / Dietmar Süß / Meik Woyke (Hg.): Sterben, Gedenken, Töten. Zur Sozialgeschichte des Todes, Bonn 2018.

Vgl. zur Presseberichterstattung über das Projekt u.a.:
Doris Arp: Autonomie und Selbstbestimmung. Vom guten Sterben, in: Deutschlandfunk, 12.01.2017,
http://www.deutschlandfunk.de/autonomie-und-selbstbestimmung-vom-guten-sterben.1148.de.html?dram:article_id=376086 

 

 

 

Zusammenfassung zum Habilitationsprojekt von Dr. Jenny Pleinen: "Die politische Ökonomie der Umverteilung in Großbritannien..."

Das Verständnis davon, was der Staat leisten kann und soll hat sich seit dem späten 19. Jahrhundert ebenso verändert wie die Vorstellung darüber, wie eine sozial gerechte Gesellschaft aussehen sollte. Das Habilitationsprojekt erforscht die Beziehung zwischen Staat, Gesellschaft und Kapitalismus in Großbritannien, das als Pionier der industriellen Revolution auch zum Experimentierfeld der Moderne wurde. Es kombiniert dabei sozial- und kulturgeschichtliche Ansätze mit denen einer neuen Politikgeschichte und verfolgt vier Leitfragen:


Erstens, wie hat der britische Staat Markteinkommen und akkumulierten
Wohlstand in der longue durée umverteilt. Berücksichtigt werden dabei zum einenStaatseinnahmen wie Steuern (insbesondere Erbschaftssteuern) und Zölle, die vor allem die Einkommen von Grundbesitzern und den Lebensstandard der städtischen Unterschichten beeinflussten. Der Staat griff aber nicht nur in die Sozialstruktur ein, indem er Kapital abschöpfte, sondern auch durch seine Ausgaben. Dabei wird ein breiter Ansatz von Staatsausgaben operationalisiert, der neben dem Sozialstaat, dem Bildungssystem und direkten Subventionen auch Ausnahmen von der Besteuerung und akzeptierte Steuerhinterziehung umfasst. Hinzu kommen staatliche Regulierungen wie Preis- und Lohnkontrollen sowie der Leitzins.

 

Die zweite Leitfrage zielt auf die Entwicklung des politischen Feldes: Welche politischen Interessen und öffentliche Debatten führten zu den beschriebenen Interventionen des Staates. Der Fokus der Analyse liegt dabei auf Wahlkämpfen und Reformversuchen, sowohl erfolgreichen als auch steckengebliebenen. In solchen Konflikten über Steuern und Staatsausgaben kamen sowohl differierende Gerechtigkeitsideen als auch unterschiedliche Interpretationen sozialer Wirklichkeit. Der Ansatz des Projekts zielt dabei nicht wie meist üblich auf die Konstruktion einer kohärenten Gerechtigkeitsphilosophie ab, sondern analysiert Konjunkturen populärer Vorstellungen von Angemessenheit, die die Akzeptanz von Umverteilung und sozialer Ungleichheit beeinflussten. Bei diesen Aushandlungsprozessen spielten – so eine These des Projekts – Sozialfiguren wie die des dekadenten Adligen oder der alleinerziehenden "welfare queen" eine zentrale Rolle.


Die dritte Leitfrage des Habilitationsprojekts lautet: Auf der Grundlage welcher Vorstellungen über die britische Gesellschaft wurde über diese Staatsinterventionen entschieden? Damit rücken Prozesse der Verwissenschaftlichung des Sozialen und die Rolle der Experten in den Blick, da staatliches Handeln im Untersuchungszeitraum seinem Selbstverständnis nach zunehmend eine rationale Reaktion auf objektives Wissen sein sollte. Das Projekt untersucht den Einfluss von Sozialwissenschaftlern auf politische Entscheidungsprozesse, erweitert diesen Blick aber um andere Experten wie Think Tanks und Ministerialbeamte. Wichtige Fallbeispiele für die Untersuchung sind neben den Nachlässen wichtiger Soziologen vor allem die Unterlagen von Royal Commissions und verwaltungsinterner Komitees. Während Verwissenschaftlichungs-prozesse zweifellos vor allem die Nachkriegsgeschichte geprägt haben, so zeigen die bisherigen Ergebnisse doch auch Einschränkungen dieser These: Nicht nur war Verwissenschaftlichung häufig selektiv, sondern es lassen sich auch gegenläufige Tendenzen einer Politisierung von Wissen sowie einer Fundamentalkritik am Deutungsanspruch wissenschaftlichen Wissens feststellen.


Die vierte Leitfrage des Forschungsprojekt bezieht sich auf die Entwicklung sozialer Ungleichheit in der britischen Gesellschaft. Prozesse sozialer Mobilität
werden dabei sowohl aufwärts als auch abwärts beobachtet. Diese sozialgeschichtliche Perspektive zeigt auf, welche Ungleichverteilung gerade nicht Gegenstand politischer Debatten wurde. Im Fokus steht dabei besonders
Konfigurationen von Intersektionalität (Armut, Ethnizität, Gender) und räumlicher Ungleichheit (Ansatz der Sozialgeographie).

 

 

 

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